Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Ein klassischer Klezmer auf dem Karavan - 7.4.03

Jacobowitz am Marimbafon

Marimbaphonspieler Alex Jacobowitz und seine seltsame Karriere

Der Tagesspiel (Berlin, Germany) - Jongleur der Schlegel Alex Jacobowitz mit Marimba im Centrum Judaicum

Quote from Henryk Broder

Ein Klezmer in München
Der New Yorker Alex Jakobowitz über sein Leben als Strassenmusikant

Ortsgespräche Alex Jacobowitz ­ Marimba-Virtuose und Strassenkünstler

Süddeutsche Zeitung 24. Juni 1993

Tschaik four ist nicht das Leben Marimbaphonspieler Alex Jacobowitz und seine seltsame Karriere

PLAUDEREI MIT ZAPFEN, SCHLEGEL, FERNWEH

Alex Jacobowitz spielt heute in der Handelsbörse

Virtuose mit der Botschaft von Toleranz - 21.12.01


7 April 2003

Ein klassischer Klezmer auf dem Karavan

Mittelbayerischer Zeitung

Der Marimba-Virtuose Alex Jacobowitz tauschte den
Konzertsaal mit den Straßen Europas

Von Helmut Wanner, MZ
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REGENSBURG. "Hier ist ein guter Platz", sagt Alex Jacobowitz. Dass hier einmal die mittlealterliche Synagoge stand und dereinst die Begegnungstätte Karavans stehen wird, hat man ihm erst nachträglich gesagt. Seine Intuition hat ihn hergeführt.

Ein Tisch mit eigenen CDs, einem autobiographischen Buch ("Ein klassicher Klezmer: Reisegeschichten eines jüdischen Musikers"), ein Notenständer mit dutzenden Rezensionen der Weltpresse und gleich eine Bodenvase für das Geld - dass hier kein normaler Straßenmusikant seinen Hut rumgehen lässt, merken selbst die "Ausscheider", die an diesem Donnerstag Mittag angesäuselt über den Neupfarrplatz ziehen. Sie verstummen, begaffen in einer seltenen Mischung von Rausch, Glück und Staunen auf ihren Gesichtern die Szene am Brunnen und ziehen weiter, erstaunlich leise und gerade so, als hätten sie eben die Wirtshaus mit der Kirchentür verwechselt.

Ein in New York geborener und in Israel lebender orthodoxer Jude mit Schläfchenlocken, Bart, Kippa und Turnschuhen spielt die Mondscheinsonate von Beethoven - so unorthodox auf dem Marimbaphon. So virtuos haben wir uns in Regensburg einen radikalen jüdischen Westbank-Siedler nicht vorgestellt. Das ist er zweifelsohne. Mit 24 Jahren ist der in New York ausgebildete Orchester-Perkussionist zu einem Kibbuz-Aufenthalt nach Jerusalem gekommen. Da hat es ihn gepackt. Er blieb, wurde orthodoxer Jude, heiratete und siedelte in der Westbank, ganz nahe bei Hebron, beim Grab der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob.

Der ehemalige Perkussionist des Jerusalem Sinfonieorchesters hat auf den 52 Hölzern des afrikanischen Instruments mit vier Schlägeln Bach und Beethoven quasi neu erfunden. Der "Paganini des Marimbas", so die deutsche Edelfeder Henryk Broder über den musischen Sohn Abrahams, hat für ein paar sonnige Märztage den Konzertsaal vor das Eis-Café Gellini gebracht, die Wand zwischen Volk und Kunst zum Einstürzen gebracht, ganz sanft und mit dem süßen Charme eines Wiener Juden. "Darf ich mich vorstellen. Ich bin Alex Jacobowitz aus New York und das ist meine Frau, das Marimbaphone", sagt er. Und so behandelt er es auch, das hüfthohe Instrument auf rollen. Hat man je einen Menschen mit mehr Liebe und Hingabe musizieren sehen? Der Mann, dessen Onkel in Dachau war, will durch sein Spiel zeigen, dass das Judentum überlebt hat, aber vor allem den Ewigen loben.

"Ich versuche, eine integrierte Persönlichkeit zu sein", sagt er der MZ. "Ich will die Einheit leben von Glauben und Tun." Konsequenterweise lebt er ohne Sicherheiten. "Sicherheit", so sagt er, "gibt es nur in Gott." Der sorgt für ihn, auch durch die Gabe des Charmes und Humors. "Mozart starb in Armut, ersparen Sie mir dieses Schicksal."

Die Passanten kaufen seine CDs wie Eiskugeln. Wer lacht, gibt mit Freude. Der klassische Klezmer liebt Deutschland. "Hier ist das kultivierteste Publikum", verriet er der Jerusalem Post. Kunststück: Der Marimba-Mann verdient in seinen kurzen Hosen besser als jeder Anzugträger. Dabei lebt er bescheiden. Er kocht und betet in seinem Campingwagen, schläft auf Parkplätzen.

Im Winter ist er bei seiner Groß-Familie in Israel: Frau, vier Knaben und drei Mädchen zwischen 8 und 17 Jahren. Nur ein Jahr lang war er Kollektivmusiker, dann hatte er es Leid. "Ich wollte nicht sitzen und 45 Minuten auf einen einzigen Triangeleinsatz warten", sagt er der MZ. Dem Solisten gehört die Straßen-Bühne allein. Er ist Orchester, Dirigent, Konferenzier und Kassier in einer Person. So hat der polyglotte Mann 20 Jahre Straßenmusik auf dem Buckel. Er hat von Oslo bis Venedig gespielt (das Marimba durfte dabei Gondel fahren). Magier, der er ist, hat er Hundertausende in den Bann gezogen. Zum Beispiel auch mit Sprüchen wie diesem: "schalten Sie bitte ihr Handy aus. Beethoven schrieb die Mondscheinsonate ohne Lkw- und D-1-Begleitung."

 

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1 Feb 2001

Jacobowitz am Marimbafon

Basler Zeitung - Basle, Switzerland

Er ist seit 20 Jahren Strassenmusikant und möchte es
auch bleiben. "Wenn es wärmer wird, vielleicht sehen
wir uns dann wieder auf der Freien Strasse." Auf
der Strasse sei man dem Publikum näher, könne
Erklärungen abgeben und Fragen beantworten. Die Kälte zwang Alex Jacobowitz also zu einem Gastspiel in einem Innenraum, in die nicht gerade heimelig warme Elisabethenkirche. Vor ein viel zu spärliches Publikum - auf der Strasse spiele er täglich oft vor Hunderten Passanten -, das er zu sich bat, weil sein Instrument so leise sei und er kein Mikrofon benützen wolle. Am Schluss sassen alle quasi im Halbkreis um ihm herum. Wie kämpft er bloss gegen den unvermeidlichen Stassenlärm, wenn ihn das Tram oder die Polizeisirene draussen schon so stört?

Das Zelebrieren
Wie dem auch sei, Alex Jacobowitz ist Jude aus New York. Oft werde er angepöbelt, auch in der Schweiz. Aber viel lieber, als solch trüben Gedanken nachzuhängen, konzentriert er sich auf sein Instrument und dessen Töne. "Meine Frau heisst Marimba", stellt er das Xylofon (Holzklanginstrument) vor, das die Kinder in der Pause spielen dürfen, und er findet, es klingt nicht einmal schlecht. Der Meister dieses Instruments ist jedoch er, denn selten hat man einen so verliebten Musiker erlebt, der mit Sendungsbewusstsein den Klang seines Marimbafons richtiggehend zelebriert. Mit dem Nimbus des Unerreichten. Was er spielt, sind Adaptionen für das "Tasteninstrument" Marimbafon mit zwei Reihen Hölzern über fünf Oktaven, eine Abwandlung des afrikanischen Vorläufers, der statt Aluminium- resonanzkörper hohle Kürbisse hat. Manchmal tönt es unter seinen Händen wie Glasharfe, manchmal wie die Panflöte, oft wie die Gitarre. "Musik ist meine Sprache", so der Wortlaut eines seiner Kommentare, die er fleissig einfügt, um unseren Eindruck zu vertiefen. "Ich rede zu viel und spiele zu wenig", gesteht er selber ein. Und doch, wie er spielt, ist von ganz eigener Natur. Er hat Stücke für Tasteninstrumente (Klavier oder Cembalo) - Originalkompositionen für Marimba gibt es kaum - von Beethoven, Mozart und Bach, Debussy und vielen anderen für sein Instrument angepasst, allerdings für nur vier Finger, weil in seinen Händen bloss vier Schlegel Platz haben.

Die Begeisterung
Und wie er sie führt, die Schlegel unterschiedlicher Härtegrade und somit anderer Klangnuancen, wie er damit das Palisanderholz streichelt und liebkost. Bis in die kleinsten Verästelungen hinein präzis und köstlich. Noch nie haben wir Bachs "Chaconne" mit solcher Begeisterung gehört. Das eröffnet ganz neue Dimensionen. Oder Stücke für Gitarre, so feinsinnig und subtil, dass einem klar wird, was ihm wichtig ist, nämlich Stimmungen zu evozieren, Gefühle, Bilder. "Ich bitte Sie, sich zu öffnen", schlägt er vor. Wir folgten Alex Jacobowitz gern auf seinem diffizilen Trip nach innen.

Peter O. Rentsch

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Süddeutsche Zeitung - Munich, Germany

Marimbaphonspieler Alex Jacobowitz und seine seltsame Karriere

Alex Jacobowitz aus New York steht vor seinem Marimbaphon mit schwarzem Hut, Vollbart und Haarlocken. Ganz orthodoxer Jude, aber zugleich ein unglaubliches US-amerikanisches Showtalent. Mit vier Schlägeln zündet er ein fulminantes musikalisches Feuerwerk. Der Vater von sieben Kindern hat mit seinem Marimbaphon schon auf den Strassen aller grossen Städte dieser Welt gespielt und zuletzt den Schritt von der Strasse in die Konzertsäle geschafft.

Kritiker verliehen dem Marimba-Virtuosen seltsame Ehrentitel wie etwa "Leonard Bernstein des Marimbaphons". Dabei ist Alex Jacobowitz im Grunde seines Herzens ein Strassenmusikant. Ein Mensch, der für sein Leben gern durch die Welt reist. Seinen Job als Schlagzeuger in Jerusalem Symphony Orchestra gab er auf, weil er fühlte, dass ihm die Welt nicht im Konzertsaal, sondern auf der Strasse zu Füssen liegen würde. Und so war es dann auch.

Von den Schwänken aus diesem rastlosen Musikerleben lebt seine Bühnenshow. Jacobowitz peppt seine Konzerte durch Storys auf und erzählt gern, wie er sein drei Meter breites Instrument einmal per Gondel
zum Markusplatz verfrachtete. Auch, dass die Welt der klassischen Orchester nicht seine Sache war. In "Tschaik Four", so hies Tschaikowsky's 4. Symphonie unter Kollegen, fieberte der Schlagzeuger nach dem Alles-Oder-Nichts-Prinzip dem einen entscheidenden
Schlag entgegen, wahrend er die übrige Zeit die Füsse
hochlegte. Für einen Marimbameister ein recht langweiliger Job. Jacobowitz wollte mehr: "In der Musikhochschule lernt man, die Schlägel zu benutzen wie beim Schlagzeug. Man lernt nicht, sie zu benutzen wie Finger auf dem Klavier. Ich habe nach vielen Jahren gelernt, mit den Schlägeln so zu spielen wie mit vier Fingern auf einem Klavier." Dass garantiert den Erfolg. Wenn die Menschen sehen, wie Jacobowitz in atemberaubendem Tempo Mozarts Klassik-Renner "Rondo a la Turca" auf dem Marimbaphon herunterhämmert, bleibt selbst der gehetzteste Flaneur ein paar Minuten stehen.

Wenn Jacobowitz seine Marimba streichelt und liebkost, dann ist das für ihn mehr als Show. Der Gesang befreie die Seele, so heisst es in der Klezmer-Tradition. Und diese Tradition will Jacobowitz mit seiner Marimba
wieder aufleben lassen. Als er vor 18 Jahren zum erstenmal von New York nach Israel kam, entdeckte er das traditionelle Judentum für sich. Er wurde zu
einem Klezmer, zu einem Musiker, der sein Instrument zum Singen bringt. Musik für G-tt, Musik als Botschaft: diese spirituelle Seite gehört zu seinen Konzerten. Denn Jacobowitz will Menschlichkeit, Verständigung und Toleranz vermitteln. Schliesslich gibt es unter Strassenmusikern eine selbstverständliche Solidarität. Sie treffen sich immer wieder auf unterschiedlichsten Plätzen der Welt. Manchmal fliegen sie ein Stück gemeinsam, und doch bleibt jeder für sich, bleibt Individualist, Exzentriker. Die Freiheit stellen Strassenmusiker über die Sicherheit. Das ist mutig,
wenn man der Vater von sieben Kinder ist.

Der Ausstieg aus der soliden Sicherheit eines Symphonie-Orchesters hat sich für Alex Jacobowitz gelohnt. Er ist heute als Star des Abends sein eigener Chef und ernährt damit seine sieben Kinder. Das ist eine amerikanisch-jüdische Erfolgsstory, und zudem ein grosses Credo auf die Freiheit, denn, so Jacobowitz: "Sicherheit gibt`s nicht. Wir sagen im Judentum: Sicherheit gibt`s nur in G-tt. Dafur bin ich frei und kann durch die ganze Welt reisen. Ich kann aufstehen, und ich kann sagen, heute möchte ich in Frankreich oder in Italien spielen. Wäre ich Orchestermusiker geblieben, hätte ich diese Freiheit nie gehabt."

GABRIELE KNETSCH

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Der Tagesspiel (Berlin, Germany) - Jongleur der Schlegel Alex Jacobowitz mit Marimba im Centrum Judaicum

1. November 1998

VON ROMAN RHODE

In Afrika hat sie ausgehöhlte Kürbisse als Resonatoren, in ganz Mittelamerika ist sie aus Holz gefertigt. Sie erklingt, kompakt und urtümlich, in Garküchen und an Haltestellen für Überlandbusse, auf Kirchenfesten und Geburtstagen. Hin und wieder taucht sie auch im Jazz oder bei sogenannter ethnischer Musik auf. Von der Marimba ist die Rede, jenem Stabspiel also, das mit seinen gestimmten Klanghölzern dem Xylophon
verwandt ist. Alex Jacobowitz allerdings ist mit einer Konzertversion des Instruments unterwegs. Auf der Bühne im Centrum Judaicum steht ein drei Meter langes Gestell mit mächtiger Klaviatur und metallenen Resonanzröhren, das gut zwei Zentner auf die Waage bringt. "Statt zehn Fingern benutze ich nur vier Schlegel", erklärt Jacobowitz, die orthodoxen Schläfenlocken hinters Ohr gelegt. Ist das denn so wichtig? Und ob! Denn der Künstler, ein
Straßenmusikant aus New York und ehemaliger Perkussionist im Sinfonieorchester Jerusalem, interpretiert auf der Marimba klassische Kompositionen für Cembalo, Klavier, Violine und Gitarre. Sein Repertoire reicht von Scarlatti, Bach oder Mozart bis hin zu Tárrega und Albéniz, vom Barock bis zur spanischen Romantik. Das instrumentelle Handicap, fehlende
Pedale und nur vier "Finger", überwindet Jacobowitz ebenso spielerisch wie meisterhaft. Flink und präzise wirbeln die Schlegel über die Klanghölzer, und dabei klingt die Marimba so differenziert wie ein Piano, so füllig wie eine Orgel und so sanft wie eine Harfe. Jacobowitz wirkt, vor allem bei den Bachschen Fugen und den wilden Tremoli spanischer Gitarrenmusik, wie ein gewitzter Jongleur der Töne und Schlegel. Und es gelingt ihm fantastisch. Mit seiner Performance ist er Dirigent, Orchester und Intendant zugleich. Weil es Jacobowitz aber in die Straßen der Welt hinauszieht, steht er zudem in der Tradition der wandernden Klezmorim. Und sein auf den ersten Blick so stumpfes, grobschlächtiges Instrument - es geht wie das Messer durch die Butter.

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Quote from Henryk Broder

Wehrend Buddy Elias in Berlin weilte, wurde im Leipziger Schulmuseum die Ausstellung "Anne Frank" ervffnet. Ehrengast und "zu Gast bei Anne Frank in
Leipzig" (Neues Deutschland) war "der j|dische Stra_enk|nstler und Marimba-Virtuose Alex Jacobowitz", nicht verwandt und nicht verschwdgert mit Anne Frank, aber als Jude und K|nstler im weitesten Sinne Teil der Mischpoche. Vermutlich war Giora Feidman grade zu einem Klezmer-Konzert in Auschwitz unterwegs und deswegen mussten die Leipziger nehmen, wer noch nicht
ausgebucht war, Alex Jacobowitz eben, den Paganini der Marimba.
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Ein Klezmer in München
Der New Yorker Alex Jakobowitz über sein Leben als Strassenmusikant

Seit 20 Jahren verdient Alex Jakobowitz sein Geld als Strassenmusiker. Schon im Laufe seiner klassischen Ausbildung an der Ithaca School of Music (New York)widersetzte sich der inzwischen 41-Jährige em Wunsch der Eltern und Lehrer, Orchesterschlagzeuger zu werden. Stattdessen interpretierte er die Musik Bachs und Beethovens auf seinem Marimbaphon. Im Gespräch mit Christian Gressner erzählt der gebürtige New Yorker und orthodoxe Jude, der zwischen München und Jerusalem durch Europa pendelt und sogar ein Buch ("Reisegeschichten eines jüdischenMuskiers") über sein nicht alltägliches Leben geschrieben hat, von der musikalschen Intimität öffentlicher Plätze.

DIE WELT: Schön, was Sie da spielen! Was ist das?
Alex Jakobowitz: Ach, das sind Auszüge aus dem Notenbüchlein der Anna Magdalena von Johann Sebastian Bach. Von Bach habe ich auch die Goldberg Variationen oder das Brandenburgische Konzert Nr.1 in F-Dur im Repertoire.

DIE WELT: Sie haben auch Schallplatten gemacht?
Jakobowitz: Ja. Neben Bach vor allem Klezmermusik, Gesänge aus der Hebräischen Liturgie und jüdische Volkslieder. Aber auch klassische spanische Musik.

DIE WELT: Herr Jakobowitz! Berichten Sie von den Anfängen. Wie haben Sie das Konzertxylophon entdeckt?
Jakobowitz: Ich habe mit 12 angefangen, Schlagzeug zu spielen und liebe dieses Symbol der Kraft. Aber ich wollte Solist werden, nicht hinter der Triangel stehen und einmal pro Stunde "Ping" machen. So habe ich mit 20 Jahren mein eigenes Marimbaphon gekauft. Es bigt auf der Welt nur drei Marimba-Solisten, ich hatte kein Vorbild. Das Instrument versetzte mich in die Lage, Vivaldi und Bach nach 300 Jahren neu zu erfinden. Als ich 1991 nach Budapest auf die Strasse ging, haben die Frauen im Publikum geweint. Wie soll man sie mit einem klassischen Schlagzug zum Weinen bringen?

DIE WELT: Klassische Musik und Marimbaphon ist eine ungewöhnliche Verbindung. Was hat Sie nach ihrem Austritt aus dem Jerusalem Symphony Orchestra bewogen, auf der Strasse aufzutreten?
Jakobowitz: Der Konzertsaal ist ein Museum für Klang. Auf der Strasse
dagegen lade ich die Leute ein, ganz nahe zu sein -- im Konzertsaal braucht man Operngläser um zu sehen -- und es bleibt dennoch ein Stück Respect. Ich erkläre den Menschen, was ich spiele, und nehme ihnen so die Angst vor der klassischen Musik. Wenn sie das Gefühl haben, das stimmt, was ich mache, habe ich mein Ziel erreicht. Diese Intimität kann man in einem Konzertsaal nicht erfahren.

DIE WELT: Als Strassenmusiker sind Sie unter anderem vom Wetter abhängig. Wie gehen Sie als Vater von sieben Kindern mit dieser Unsicherheit an?
Jakobowitz: Es ist richtig, jeden Tag ist meine Schale leer, aber ich habe nie aufgehört zu hoffen, weil im Talmud steht, dass Gott, wenn er ein Kind schenkt, auch Brot schenken wird. Ich musste nie wählen zwischen meiner Liebe zu den Kindern und zur Musik.

DIE WELT: Der Gedanke der Spritualität lebt ja auch in ihrer Musik.
Jakobowitz: Die Musik, sage ich immer, bringt uns Gott näher. Ueber die Musik kann ich meine Botschaft von Menschlichkeit, Verständnis und Toleranz besser vermitteln. Als Jude im Nachkriegseuropa begibt man sich ja auch immer auf die Spuren der eigenen Vergangenheit.

DIE WELT: An schönen Tagen bewerben sich in München bis zu 40 Strassenmusiker um zehn Genehmigungen. Wie ist das Verhältnis der Künstler untereinander?
Jakobowitz: Die Peruaner zum Beispiel ignorieren alle offiziellen
Vorschriften und besetzen einen Platz für Stunden und Tage. Akkordeonspieler Ivan dagegen vertraut auf seine Nerven und sein lautes Spiel, um seinen Standort zu sichern. Man verschafft sich im Laufe der Jahre Respekt.

DIE WELT: Was zeichnet für Sie als Musiker die Atmosphäre auf den Strassen in München aus?
Jakobowitz: Das Verhalten der Polizei ist der absolut grösste Unterschied. Aber es ist schön, dort zu spielen, wo die Komponisten gewohnt haben. In München hat Mozart kurze Zeit gewohnt und das Publkum hat noch ein Gefühl für die Nähe zu ihm. Für die Arbeit mit der klassischen Musik ist es am besten in Europa, mein Herz wohnt bei der Familie in Jerusalem und der jüdische Teil fühlt sich in Israel am wohlsten. Ich wohne überall.

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Ortsgespräche
Alex Jacobowitz ­ Marimba-Virtuose und Strassenkünstler

Dem aus New York stammenden Perkussionisten Alex Jacobowitz dürfen viele Zürcherinnen und Zürcher auf ihrem Sonntagsspaziergang entlang der Seepromenade schon mehrfach begegnet sein. Seit drei Jahren konzertiert der klassisch ausgebildete Musiker auf der Strasse, wo er auf seinem drei Meter langen Marimbaphon Werke von Beethoven, Mozart und Bach spielt. Am kommenden Sonntag, 10 März, bestreitet er ein Solorezital in der Tonhalle. Aus diesem Anlass unterhielt sich Nick Liebmann mit dem jüdischen Musiker.

«Der Konzertsaal», meint Alex Jacobowitz etwas provokativ, «ist das teuerste Hotel der Welt geworden. Weil die grossen Interpreten klassischer Musik schon längst eine Wand zwischen sich und ihrem Publikum aufgerichtet haben, kommt keine Kommunikation zustande. Das Spirituelle und Transzendierende in der Musik wird nicht mehr kommuniziert, die Zuhörerinnen und Zuhörer sind nicht mehr in ihrem Innersten berührt, die gesellschaftlichen Konventionen werden wichtiger als das, worum es hier wirklich gehen sollte.»

Jacobowitz hat oft für Kinder gespielt und festgestellt, daß sie eigentlich viel über Musik und das Instrument erfahren möchten, aber einfach nicht wissen, welche Fragen sie eigentlich stellen müssten. So hat er gelernt, seine Konzerte zu kommentieren, die Fragen zu antizipieren, sein Publikum gleichermassen zu unterhalten und zu informieren. Die Erwachsenen, so der charismatische Musiker weiter, hätten eigentlich genau die gleichen Bedürfnisse wie ihre Kinder. Nur getraute sich kaum jemand, Fragen zu stellen, da viele den Eindruck hätten, sie allein wüssten die Antworten nicht. Die Kunst, die Jacobowitz entwickelt hat, nennt er «Informance», ein Kürzel für «informal Performance».

Während seines Perkussionsstudiums an der Ithaca School of Music in Upstate New York nahm Jacobowitz einst an einer Exkursion nach Manhattan teil, zu einem Marimba-Recital von Vida Chenowith. Dort bekam er Gelegenheit, mit Studenten der berühmten Juillard School zu diskutieren. Einer davon hat sich sein Studium durch Strassenmusik an der Ecke 80th Street/Broadway finanziert und schon damals für zwei Stunden Xylophonspiel 55 Dollar verdient. Jacobowitz hat das dann auch probiert, seine Marimba hin- und hergeschoben, und schon bald einmal den Dreh gefunden, wie das funktioniert. Er hat gelernt, wie man zu den Passanten spricht, wie man ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht, wie man sie unterhält, ohne die hohe Kunst zu verraten. Und er war schon bald erfolgreich. Als Strassenkünstler wurde er sogar eingeladen, zwei Solokonzerte im Lincoln Center zu geben.

Ein prägendes Erlebnis war für den Perkussionisten auch die Aufführung der vierten Symphonie Tschaikowskys, als er 1981/82 reguläres Mitglied des Sinfonieorchesters in Jerusalem war. Über den ersten drei Sätzen steht für den Perkussionisten «Tacet». Erst dann muss er sich erheben und wie wild auf die Triangel einschlagen. So konnte sich Jacobowitz seine weitere
Musikerkarriere auf keinen Fall vorstellen. Als Marimba-Solist auf der Strasse hingegen (ein auch wirtschaftlich nicht gerade uninteressantes Tätigkeitsfeld ) ist er sein eigener Dirigent, sein eigenes Orchester, sein eigener Intendant.

Die Strassenmusik befriedigt Jacobowitz außerordentlich. Oft spielt er an einem Tag zehn Konzerte für 6000 Leute, berührt ihre Herzen und kann ihnen die Schönheit und den Wert seines Instrumentes buchstäblich hautnah demonstrieren. Zu den Stücken, die er für sein Instrument meisterhaft bearbeitet hat, erzählt er interessante Anekdoten aus der Musikgeschichte, und seine Zuhörerinnen und Zuhörer haben keinerlei Mühe, die Umweltgeräusche innerlich auszuschalten. Dabei geht es ihm keinesfalls um «Ego» oder «Virtuosität». Vielmehr möchte er seine Empfindungen zu den musikalischen Meisterwerken mit seinem Publikum teilen. Bei einem seiner Konzerte in Budapest, erzählt Jacobowitz, habe eine Frau geweint, im Lincoln Center hingegen sei das noch nie vorgekommen.

Jacobowitz erzählt gerne vom grossen chassidischen Xylophonvirtuosen Joseph
Gusikow, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts sein Publikum begeistert und den Neid Liszts auf sich gezogen hat. Auf seiner «Holz- und Strohfiedel» spielte Gusikow Musik von Paganini und Rossini, improvisierte aber auch über jüdische Musik aus Russland und Polen. Für Jacobowitz, der zurzeit an einer Biographie über Gusikow arbeitet, wäre es ein Traum, seinem Instrument wieder eine ähnliche Popularität zu verschaffen. Denn, so der Perkussionist, gewisse Stücke (etwa der Türkische Marsch Mozarts oder die Gitarrenstücke des Spaniers Francisco Tárrega) würden in seiner Version besser klingen als die Originale.

Jacobowitz hat eine anstrengende Zeit hinter sich. Als Einmannbetrieb (mit ein paar Helfern im Netzwerk) hat er sein Tonhalle-Rezital eigenhändig
organisiert. Aber er ist überzeugt, dass er den Besucherinnen und Besuchern ein höchst interessantes, umfassendes Marimba-Programm präsentieren darf, dass größtenteils aus absolut neuen Bearbeitungen besteht. Die Spannweite reicht von Barock bis in die Neuzeit, von Couperin bis Paul Smadbeck, von dem übrigens das einzige eigens für die Marimba geschriebene Stück des Konzerts stammt. Auch in der Tonhalle möchte der Solist keine Konventionen einhalten. Er wird nicht im Frack musizieren und wird, genau wie er es auf der Strasse tut, erklärende und unterhaltende Worte an sein Publikum richten.

Zürich, Tonhalle, 10. März, 16 Uhr
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Süddeutsche Zeitung 24. Juni 1993

Mit der Marimba ständig auf Achse
Ein pfiffiger Musikus, der ein ungewöhnliches Instrument im Gepäck trägt


Es ist nicht nur das ungewöhnliche Instrument, das Alex Jacobowitz zu umjubelten Auftritten verhilft. Es ist auch der verschmitzte Charme, mit dem sich der bärtige Musiker mit grauem Anzug und schwarzem T-Shirt, mit der “Kippa", der traditionellen Kappe gläubiger Juden, auf den schwarzen Locken, in die Herzen der Zuhörer spielt, etwa wenn er das Publikum ermahnt: “Stören Sie bitte nicht die Anmut der Musik, indem Sie während des Spielens Münzen in die Schale werfen. Verwenden Sie Papiergeld!"Oder wenn er neue Zuhörer begrüßt: “Hallo, mein Name ist Alex. Ich bin aus New York, und das ist meine Frau, die Marimba."Das kennen die Leute hier nicht, “das ist die New Yorker Art", lacht er. Ein Auftritt wie ein Held, eine Mischung aus Unterhaltung und Geschäftstüchtigkeit. Und dann legt der 32jährige los, spielt Klassiker auf seiner Marimba, einer Art übergroßem Xylophon auf Rollen, bekannt eher durch lateinamerikanische Musik. Gut zwei Meter breit und hüfthoch, aus Edelholzplatten und Metallröhren, die gemeinsam eine warmen, hellen und zugleich mystischen Klang ergeben, wann immer das Holz mit Trommelschlegeln zum Schwingen gebracht wird. Kein Zweifel, mit seiner Marimba-Versionen von Bach-, Beethoven- und Vivaldi-Klassikern ist Jacobowitz derzeit einer der Stars in der Fußgängerzonen-Szene. Regelmäßig zieht der Amerikaner die meisten Zuhörer aller Straßenkünstler an seinen Stammplatz unter der Baumgruppe zwischen Michaelskirche und Karlstor an.
Die Leichtigkeit seines Spiels fasziniert, auch wenn sie bloß eine Illusion ist. Hinter der scheinbaren Mühelosigkeit, mit der Alex Jacobowitz vier Schlegel zugleich über zwei Reihen hölzerner Platten fliegen läßt und dabei Töne, Akkorde, Melodien hervorzaubert, steht höchste Konzentration. Zum Marimba-Spiel kam Alex Jacobowitz erst mit 19 Jahren. Er studierte in New York klassisches Schlagzeug für den Orchestereinsatz ­ und die Marimba gehörte dazu. Er brauchte nicht lange, um zu erkennen, daß dieses als Begleitinstrument unterschätzte Holz-Metall-Konstrukt “das Potential eines Klaviers³ hat. Von da an war es um ihn geschehen. Jacobowitz: “Ich habe fanatisch geübt, mich manchmal zwölf Stunden am STück im Keller eingesperrt."Es hat sich gelohnt: 1981 bekam er eine ersten Preis im internationalen Nachwuchsmusikwettbewerb von Montreal, spielte hinterher mit der “Jerusalem Symphonie". Aber auf Dauer genügte ihm das Musizieren in der hinteren Orchesterreihe nicht. Er arrangierte klassische Stücke für Marimba um, packte sein unhandliches Instrument und machte sich auf die Reise. Mit seinen Auftritten in Fußgängerzonen, Gemeindezentren und Konzerthallen hat sich Jacobowitz inzwischen schon bescheidene Bekanntheit erspielt. Ein Stapel Berichte aus deutschen Lokalzeitungen legt eine Spur durch das ganze Land. Die Marimba hinten im Lieferwagen, tourt er seit drei Jahren jeden Sommer durch die Innenstädte Europas; durchschnittlich acht Länder klappert er im Jahr ab, abhängig vom Wetter, den Zuhörern und dem Zuspruch. Jacobowitz sieht sich ein wenige als “Prophet, der die Leute daran erinnert, nicht die schöne Musik zu vergessen. Ich zeige ihnen, die eigene Kreativität nicht zu vernachlässigen."Nicht immer stößt er dabei auf offene Ohren. Ganz streng nach den Buchstaben der Verordnungen nahm ihn unlängst die Münchner Polizei fest, weil er nach seinem Auftritt CD's und Cassetten mit eigenen Aufnahmen verkauft hatte. Nirgends nähme man die Bestimmungen so ernst wie an der Isar, klagt Alex Jacobowitz, das sei seine schlimmste Erfahrung gewesen. Andererseits, den schönsten Auftritt hatte er auch in der Münchner Fußgängerzone. “Das Publikum hat getobt. Nebenan haben zwar Fußballfans gegrölt, aber die Menschen blieben stehen und haben meiner Musik gelauscht und gemerkt: Da steht dieser jüdische Junge und versucht ganz allein die Zivilisation aufrechtzuerhalten."

Achim Zeilmann
Donnerstag, 24. Juni 1993

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Süddeutsche Zeitung 14.04.2001

Tschaik four ist nicht das Leben Marimbaphonspieler Alex Jacobowitz und seine seltsame Karriere

Alex Jacobowitz aus New York steht vor seinem Marimbaphon mit schwarzem Hut, Vollbart und Haarlocken. Ganz orthodoxer Jude, aber zugleich ein unglaubliches US-amerikanisches Showtalent. Mit vier Schlägeln zündet er ein fulminantes musikalisches Feuerwerk. Der Vater von sieben Kindern hat mit seinem Marimba-phon schon auf den Strassen aller grossen Städte dieser Welt gespielt und zuletzt den Schritt von der Strasse in die Konzertsäle geschafft.

Kritiker verliehen dem Marimba-Virtuosen seltsame Ehrentitel wie etwa “Leonard Bernstein des Marimbaphons". Dabei ist Alex Jacobowitz im Grunde seines Herzens ein Strassenmusikant. Ein Mensch, der für sein Leben gern durch die Welt reist. Seinen Job als Schlag-zeuger im Jerusalem Symphony Orchestra gab er auf, weil er fühlte, dass ihm die Welt nicht im Konzertsaal, sondern auf der Strasse zu Füssen liegen würde. Und so war es dann auch.

Von den Schwänken aus diesem rastlosen Musikerleben lebt seine Bühnen-show. Jacobowitz peppt seine Kon-zerte durch Storys auf und erzählt gern, wie er sein drei Meter breites Instrument einmal per Gondel zum Markusplatz verfrachtete. Auch, dass die Welt der klassischen Or-chester nicht seine Sache war. In “Tschaik Four", so hies Tschai-kowsky¹s 4. Symphonie unter Kol-legen, fieberte der Schlagzeuger nach dem Alles-Oder-Nichts-Prin-zip dem einen entscheidenden Schlag entgegen, wahrend er die übrige Zeit die Füsse hochlegte. Für einen Marimbameister ein recht langweiliger Job. Jacobowitz wollte mehr: “In der Musikhochschule lernt man, die Schlägel zu benutzen wie beim Schlagzeug. Man lernt nicht, sie zu benutzen wie Finger auf dem Klavier. Ich habe nach vielen Jahren gelernt, mit den Schlägeln so zu spielen wie mit vier Fingern auf einem Klavier."; Das garantiert den Erfolg. Wenn die Menschen sehen, wie Jacobowitz in atemberaubendem Tempo Mozarts Klassik-Renner “Rondo a la Turca"; auf dem Marimbaphon herunterhämmert, bleibt selbst der gehetzteste Flaneur ein paar Minuten stehen.

Wenn Jacobowitz seine Marimba streichelt und liebkost, dann ist das für ihn mehr als Show. Der Gesang befreie die Seele, so heisst es in der Klezmer-Tradition. Und diese Tradition will Jacobowitz mit seiner Marimba wieder aufleben lassen. Als er vor 18 Jahren zum erstenmal von New York nach Israel kam, entdeckte er das traditionelle Judentum für sich. Er wurde zu einem Klezmer, zu einem Musiker, der sein Instrument zum Singen bringt. Musik für G-tt, Musik als Botschaft: diese spirituelle Seite gehört zu seinen Konzerten. Denn Jacobowitz will Menschlichkeit, Verständigung und Toleranz vermitteln. Schliesslich gibt es unter Strassenmusikern eine selbstverständliche Solidarität. Sie treffen sich immer wieder auf unterschiedlichsten Plätzen der Welt. Manchmal fliegen sie ein Stück
gemeinsam, und doch bleibt jeder für sich, bleibt Individualist, Exzentriker. Die Freiheit stellen Strassenmusiker über die Sicherheit. Das ist mutig, wenn man der Vater von sieben Kinder ist.

Der Ausstieg aus der soliden Sicher-heit eines Symphonie-Orchesters hat sich für Alex Jacobowitz gelohnt. Er ist heute als Star des Abends sein eigener Chef und ernährt damit seine sieben Kinder. Das ist eine amerikanisch-jüdische Erfolgsstory, und zudem ein grosses Credo auf die Freiheit, denn, so Jacobowitz: “Sicherheit gibt`s nicht. Wir sagen im Judentum: Sicherheit gibt`s nur in G-tt. Dafur bin ich frei und kann durch die ganze Welt reisen. Ich kann aufstehen, und ich kann sagen, heute möchte ich in Frankreich oder in Italien spielen. Wäre ich Orchestermusiker
geblieben, hätte ich diese Freiheit nie gehabt."

GABRIELE KNETSCH

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PLAUDEREI MIT ZAPFEN, SCHLEGEL, FERNWEH
Leipziger Volkszeitung 10. November 2000

Marimbaphonist Jacobowitz erzählte Geschichten

Marimbaphon und Plauderton ­ die Kunst des in New York geborenen jüdischen Musikers Alexej Jacobowitz erschöpft sich nicht allein in der Beherrschung seines Instruments. Hier ist er Herr über fünf Oktaven, einer chromatischen Klaviatur aus Hartholzstückchen, an deren Unterseite Metallröhren wie Eiszapfen in Reihe hängen und den Klang verstärken. Jacobowitz ist Virtuose und gewitzter Geschichtenerzähler in einer Person. Muss er auch. Denn von François Couperin und Domenico Scarlatti lässt sich nicht ohne weiteres zu Beethoven, Albéniz und Paul Smadbeck überleiten.

Die Auswahl der Stücke ist eindeutig der Machbarkeit auf dem aus Südafrika stammenden Schlaginstrument geschuldet. Zumal in den meisten
Fällen der Notentext lediglich übertragen wurde und nicht bearbeitet. Die Fantasien von Mozart (KV 397) und Bach (BWV 922) beispielsweise danken es ebenso wie Francisco Tárregas für Gitarre komponiertes Arabisches Capriccio. Jacobowitz mitreißende Musikalität, frappierende Vielfalt an Klängen und Lautstärken und der Fakt, daß vier Schlegel an der Klaviatur offenbar zehn Finger ersetzen können, ist ein Erfolgsgarant, der Zugaben unweigerlich zur Folge hat und auch dem CD-Absatz am Ausgang förderlich ist. Am Ende geht es aber nicht allein darum, dem Marimbaphon eine Bresche zu schlagen oder gar neue Klangwelten zu entdecken, die bislang eingeklemmt im hintersten
Orchestertutti schlummerten. Jacobowitz ist ein fahrender Geselle, dessen Lieder noch nicht gefunden haben, was sie in der Ferne suchen.

Jörg Clemen

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Alex Jacobowitz spielt heute in der Handelsbörse
Leipziger Volkszeitung 8. November 2000

Der vielleicht einzige Marimbaphonist ist ein Rattenfänger

Alex Jacobowitz zählt zu den außergewöhnlichsten Figuren im Musikgeschäft. 1960 in New York als Sohn jüdischer Amerikaner geboren, studierte er zunächst Perkussion an der Musikhochschule, Ziel: Orchesterschlagzeuger. Die Liebe zum Marimbaphon, einer Xylophonart, kam ihm jedoch dazwischen. Mit dem exotischen Instrument wollte er neue Klangwelten erschließen. Und zwar als Straßenmusiker.

Frage: Sie sind möglicherweise der einzige professionelle Marimbaphonist der Welt. Wie kam das?

Alex Jacobowitz: Während des Studiums musste ich auch Marimbaphon lernen. Das war, wie einen Partner zu finden. Ich wollte reden durch dieses
Instrument. “Es gibt keine Marimbaphonsolisten³, meinte mein Professor. Ich sagte: “Dann werde ich der erste sein.³ Ich habe unendliche Klangschönheiten entdeckt. Das Marimbaphon eignet sich für Klavier-, Gitarren- wie für Geigenmusik.

Wie reagiert Ihr Publikum?

Es ist eine große Herausforderung, ein Konzert auf einem unbekannten Instrument zu geben. Beim Xylophon denken die Leute an Kinderspielzeug. Wie soll man darauf Bach und Mozart spielen? Ich trete auf der Straße auf, damit die Leute mein Instrument entdecken und mir ins Konzerthaus folgen. Insofern bin ich ein Ratenfänger.

Sind Bach und Beethoven ohne weiteres Marimbaphon-kompatibel?

Selbstverständlich nicht alle Stücke. Viele können aber ganz ohne
Veränderungen gespielt werden. Ich nehme den Stücken nichts weg, gebe ihnen aber etwas Neues hinzu. Ich spiele zum Beispiel die Fantasie in a-moll von Johann Sebastian Bach, ein frühes, wildes Werk. Die Sonate in G-Dur, Opus 49, von Beethoven. Und eine Fantasie von Mozart, Köchelverzeichnis 397. Außerdem spanische Gitarrenmusik.

Doch Sie musizieren nicht nur ...

Es ist nicht so wichtig, schöne Musik zu spielen. Die Leute suchen
Bedeutung. Daher erzähle ich auch Anekdoten und Witze und lese aus meinem Buch “Ein klassischer Klezmer³. Ich kommuniziere auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Publikum.

Sie haben einen bequemen Job bei den Jerusalemer Sinfonikern aufgegeben.

Ich konnte mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, mein Leben lang in der dunkelsten Ecke des Orchesters zu verbringen und nur aufzustehen, um die Triangel anzuschlagen. Ich bin lieber mein eigener Dirigent und baue mir ein eigenes Publikum auf. Ein Amerikaner, der klassische europäische und jüdische Musik auf einem afrikanischem Instrument interpretiert: So werden Kulturen zusammengebracht.

Mit welchen Gefühlen treten Sie in Deutschland auf?.

Es ist sehr schwer. Ich bin in den USA mit Vorurteilen gegen Deutsche
aufgewachsen. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, deutsch zu lernen. Heute verbringe ich viel Zeit in Deutschland. Es gibt Probleme mit Neonazis. Wenn ich auf der Straße spiele, bin ich für 150 Leute der Held, doch für ein, zwei Leute hinten bin ich der Jude.

Interview: Hendrik Pupat Konzert: heute um 19:30 Uhr, Alte Handelsbörse

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Rottaler Anzeiger
Virtuose mit der Botschaft von Toleranz - 21.12.01

Von Franz Gilg

Eggenfelden. Ein Abend für die Opfer von New York - Angesichts dieses
Mottos hätte man vermuten können, das die fröhliche Stimmung am Christkindlmarkt einer tiefen Depression weicht. Dem war aber ncith so. Zum einen lag das am unterhaltsamen Auftritt des Stargastes Alex Jacobowitz, zum anderen wurden mit Sternwerfern Funken der Hoffnung versprüht. Das alles getreu dem Vorbild der Amerikaner, die sich von den Anschägen am 11. September nicht die Lebensfreude vermiesen liessen.

Der Marimbaspieler Jacobowitz ist in jeder Hinsicht eine symbolträchtige Gestalt, denn als Sohn osteuropäischer Auswanderer verbrachte er Kindheit und Jugend in New York. Durch einen Kibbuz-Aufenthalt in Israel entdeckte er seine Wurzeln neu und fand einen Weg zum traditionellen Judentum. Doch obwohl er seitdem mit langen gelockten Haarsträhnen, einem Vollbart und der Kipa am Kopf daherkommt, sieht sich der 41-Jährige nicht als religiöser Fundamentalist. Seine Sprache sei die Musik, betont er. Und die verstehe jeder Mensch.

Mehr noch: Jacobowitz sieht seine Musik als Dienst der Hände, als Botschaft von Menschlichkeit, Verständigung und Toleranz. So reist er jeden Sommer mit seinem hundert Kilo schweren Instrument durch die Grossstädte Europas, wo er in den Fussgängerzonen mit seiner Mischung aus klassischem Konzert und New Yorker Street Show begeistert.

Und doch ist der Weltenbummler kein armer Strassenmusikant, sondern einer der wenigen professionellen Xylophonspieler, ein begnadeter Virtuose mit vier Schlegeln, die er treffsicher über die Hölzer wirbeln lässt. Fünf CDs hat er mittlerweile veröffenlicht und ein Buch über seine Erlebnisse auf Reisen geschrieben. er spielt bisweilen als Solist in grossen Orchestern
und verbringt die kalten Wintermonate bei seinen sieben Kindern in der Nähe von Jerusalem.

Ein glücklicher Zufall also, dass ihn Christkindlmarkt-Organisator Aloys Kalmer verpflichten konnte: "Mein Sohn hat CDs von ihm mitgebracht und den Kontakt hergestellt. Da er gerade zwei Konzerte in München gibt, konnte er zwischendrin nach Eggenfelden kommen. Aber die Verhandlungen waren nicht einfach."

Nun platzierte Jacobowitz sich mit seinem fast drei Meter langem Instrument, das etwa so teuer wie ein Kleinwagen ist, auf der Bühen vor dem Rathaus und zog die Zuhörer trotz klirrender Kälte schnell in seinem Bann. Mit erflärenden Worten und witzigen Sprüchen zwischen den Stücken sorgte er für willkommene Auflockerung, zumal sein Programm weder zum Tanzen, Klatschen oder Mitsingen geeignet war. Mit Beethovens "Für Elise" fing es an, dann folgten ähnlich bekannte "Ohrwürmer" von Mozart, Bach und anderen Klassikern, aber auch schwiereige Orgelmusik, traditioneller jüdischer Klezmer und der Zauber der spanischen Gitarre, wie das romantische "Recuerdos de la Alhambra" von Francisco Tarrega. "Ich musste natürlich die Originalnoten umschreiben, weil ich ja keine zehn Finger, sondern nur vier Schlegel habe", erzählt der 41-Jährige, der ursprünglich Orchesterschlagzeuger war und dann Marimba studiert hat. "Ich wollte einfach nicht länger irgendwo hinten im Orchester stehen und dreimal in der Stunde die Triangel schlagen."

Die Klassik interessiere ihn mehr als z.B. Jazz oder moderne Unterhaltungsmusik, da hier der Xylophonspieler eigentlich mehr ein Trommler sei, der auf sein Instrument einknüpple. Er hingegen entlockt der Marimba vielfältig temperierte Klänge, die aufmerksames Zuhören erfordert. Das war in der Atmostphäre des Marktes leider nicht so gut möglich wie in einem Konzertsaal. Aber wer ganz nach vorne an die Bühne trat, konnte sich trotzdem von Jacobowitz' Musik verzaubern lassen.

Die Hoffnung, dass in Israel irgendwann einmal Palästinenser und Juden friedlich zusammenleben können, hat er - der selbst Siedler im Westjordanland ist - nicht aufgegeben. "Erinnern wir uns, wie gut Juden und Muslime vor tausend Jahren in Spanien zusammengearbeitet haben. Diese Zeit wird wiederkommen, aber es kann dauern."

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