Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Der Tagesspiegel Berlin (16. Dez 1998)
Ob auf der Friedrichstraße oder beim Lichterfest Chanukka: Der israelische Straßenmusiker Alex Jacobowitz hält die Deutschen für ein gutes Publikum, „sehr höflich und folgsam“

Mozart auf der Marimba

VON IGAL AVIDAN


KENNEN SIE PAGANINI? Alex Jacobowitz will über seine Musik mit den Passanten in der Friedrichstraße ins Gespräch kommen. Foto: Christian Schroth

Friedrichstraße. Regen, drei geschmückte Weihnachtsbäume und ein orthodoxer jüdischer Strassenmusiker. Alex Jacobowitz heißt der 38jährige gebürtige New Yorker, der jetzt in der Siedlung Kiryat Arba bei Hebron lebt und mit seiner Marimba, einem großen afrikanischen Xylophon, Werke von Bach, Paganini und Mozart spielt. Berlin ist eben eine Weltstadt. Eine kapitalistische Weltstadt. Zwei uniformierte Sicherheitsbeamte des Musikladens, an dessen Eingang sich Jacobowitz angesiedelt hat, alarmieren den Ladenchef. Gegen Musik hätte er nichts einzuwenden, nur dagegen, daß Jacobowitz ihnen Konkurrenz macht: auf einem kleinen Klapptisch stellte der Musiker einige seiner Musikkassetten, CDs und Biographien. Wir versprechen, in einigen Minuten zu verschwinden. Uns wird geglaubt.

Ein Passant, der sich als Musiklehrer zu erkennen gibt, bleibt stehen. Klassische Musik auf der Straße finde er „ganz toll“, und wirft eine Münze in den weißen Eimer. Jacobowitz strahlt und beginnt ein neues Stück „Kennen Sie es?“, fragt er. „Paganinis 'Kampagnela'.“ Richtig. Eine Dame vertieft sich in ein Plakat, auf dem Jacobowitz sein Konzert im Centrum Judaicum ankündigte. „Was ist Ihr Lieblingskomponist“, will er sofort wissen. „Tschaikowski“. Gleich spielt er ein Stück des großen Russen. Die Frau ist glücklich. Jacobowitz auch. Seinen Auftritt beendet er mit „dem goldenen Jerusalem“. Dann montiert er sein Instrument ab und schiebt es in seinen staubigen Kombi, der direkt vor dem Laden parkt. Wie hat er so einen Parkplatz am Mittag gefunden? „Das gehört zu meinem Job“, schmunzelt er. Da es ihm auf der Straße zu naß wurde, zog Jacobowitz für einige Tage in eine noblere Adresse: die „Arkaden“ am Potsdamer Platz.

Schon während des Studiums an der Ithaca School of Music in New York begann Jacobowitz auf der Straße zu spielen. Nach einem Jahr beim Symphonieorchester in Jerusalem war ihm klar, daß er nicht in den Konzertsaal gehört. „Ich wollte nicht mein ganzes Leben hinter einem Orchester bleiben und in einer dunklen Ecke sitzen, nur um einige Male in der Stunde aufzustehen und die Triangel zu schlagen. Ich ziehe es vor, Straßenmusiker zu sein. Man ist sowohl der Dirigent als auch das Orchester und kann wählen, was man wann wo spielen will.“ Und warum ausgerechnet Marimba? „Die Hohlstäbe der Marimba sind genauso zweireihig angeordnet wie auf einem Klavier. So kann man die vier Schlägel genauso benutzen wie die Finger beim Klavierspielen. Ich lernte viele Werke, die von Bach, Beethoven und Mozart ursprünglich für das Klavier komponiert wurden, und kann sie neu interpretieren. Ich finde das sehr interessant.“ Jacobowitz meint, er sei der einzige Marimba-Musiker, der ausschließlich von seiner Musik lebt.

Seit acht Jahren macht Alex Jacobowitz in Europa Musik und lebt in Israel. Im Sommer spielt er Marimba, im Winter Ehemann und Vater seiner sieben Kinder. Diesmal ist er nur in Deutschland wegen seines Konzertes für Chanukka, des jüdischen Lichterfestes. In Gedanken ist er bei seinen Kindern in Israel. Letzte Woche wurde das Fenster seines Wagens von einem Palästinenser eingeworfen und seine fünfjährige Tochter, die neben ihm saß, verletzt. „Kiryat Arba ist ein gefährlicher Ort.“ Warum lebt er ausgerechnet dort? „Im ersten Buch Mose ist beschrieben, daß Abraham dort begraben ist, und ich dachte, daß es sehr wichtig für meine Kinder sei, sich ihrer Religion und ihrer Geschichte sehr nahe zu fühlen.“

In Deutschland spielt Jacobowitz gerne und sieht darin „einen Versuch, die Wunden zwischen Deutschen und Juden zu heilen.“ Die Deutschen seien „ein sehr gutes Publikum, sie hören gut zu, sind sehr höflich und folgsam.“ Judenfeindlichkeit spürt er in letzter Zeit, aber nicht in Deutschland, sondern in der Schweiz, wegen des Nazi-Goldes, der Schweizer Banken. Die Berliner findet er „relativ offen, international und tolerant“, und er fühlt sich hier „fast wie zu Hause“. Bei seinem Konzert am Sonntag spielte er klassische und jüdische Musik, erzählte seinem Publikum vom Ursprung des Lichterfestes und zündete zusammen mit ihnen Kerzen an. Die Musik ist für Alex Jacobowitz als Jude die allerwichtigste Gabe an seine Mitmenschen. ”Mit Gott kommuniziere ich durch das Gebet und mit meinem Publikum durch die Musik.“