Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Berliner Zeitung (11.Okt 2003)
ES WAR EINMAL

Unterwegs mit Arno Widmann

Dreißig, vierzig Menschen stehen auf einem Knäuel in der großen Eingangshalle der Frankfurter Buchmesse. Geht man hin und sucht nach dem, was sie interessiert, entdeckt man ein riesiges Xylophon, hinter dem ein etwas vierzig jähriger Mann steht, dessen Gesicht so hellwach ist, dass nicht einmal sein dichter Kräuselbart und sein langes Haar es verdecken kann. Alex Jacobowitz ist Straßenmusiker. Er wurde in einer Kleinstadt im Statte New York in eine Familie osteuropäischer Juden geboren, hat ein ordentliches Musikstudium absolviert, spielt virtuos auf seinem Instrument vor allem aber mit dem Publikum. Er unterhält es mit seinen Transkriptionen von Bachs Chaconne, Beethovens Mondscheinsonate, aber auch mit Saties Gymnopédie. Wen dergleichen mehr abschreckt, den erobert er mit seinen Geschichten aus den Fußgängerzonen der alten und der neuen Welt. Hier vor der Halle mit den international Verlagen, spricht er englisch, deutsch, französisch, spanisch, iwrit und eine Sprache, bei der ich neicht weiß, welche es ist. Er erklärt sein Instrument, ein fast drei Meter langes Marimbaphon, er erklärt die Schwierigkeiten, die es bereitet, Mozarts „Türkischen Marsch“ marbagerecht einzurichten. Nichts scheint ihm ferner als die Idee, dass könnte irgenjemanden nicht interessieren. Und er hat Recht. Seine Begeisterung steckt an. Die Menschen hängen an seinen Lippen, kaufen seine CDs und hören sich auch die nächste Vorführung noch an. Er aber beobachtet alles sehr genau. Als er merkt, dass vorne so viele sind, dass die Hinteren weitergehen, weil sie keine Chance sehen, durchzukommen, macht er eine Pause. Am Nachmittag aber sagt er: „In einer halben Stunde liest Günter Grass. Gehen Sie hin. Vielleicht liest er ihnen auch die Geschichte aus seinem Buch, in der ich vorkomme.” Auf einer Buchmesse, das wird den Zuhörern von Alex Jacobowitz, der sein Leben in einem sehr unterhaltsamen Band – „Ein klassisher Klezmer – Reisegeschichten eines jüdischen Musikers”, Tree of Life, Toemlingerstraße 23, 81375 – beschreibt, mit einem Schlag klar, nicht nur Agenten, Verleger und Autoren, sondern auch Romanfiguren. Das macht sie, so lärmend-laut es auf ihr zugeht, märchenhaft. Sie wird in einem Augenblick für immer zum Bazar aus Tausendundeiner Nacht.