Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
Press    English  |  German  |  Hebrew  |  Hungarian  |  Japanese |  Polish  |   Portugese
Fritz Magazin, Leipzig (Sept 2005)Interview


Im Interview: Straßenmusiker Alex Jacobowitz

Virtuosität mit Witz

Nach dem zum Teil kontrovers aufgenommenen ersten Teil über Leizpigs Straßenmusikszene, der in unsere Juliausgabe erschienen war und eine allgemein gehaltene Analyse der Freiluft-Musikanten-Szenerie bot, hier nun Teil zwei, in dem wir uns einen konkreten Blick auf einen aktiven Straßenmusiker genehmigen, der in Leipzig längst kein Unbekannter mehr ist: Michael Hein sprach mit Alex Jacobowitz über Toleranz, sein Verhältnis zu Deutschland und seine Beweggründe, auf der Straße zu musizieren.

Alex Jacobowitz, geboren 1960 im Staat New York als Nachkomme osteuropäischer Juden, ist der erste und wahrscheinlich weltweit bislang einzige Solist am Marimbaphon, einer Art riesigem Xylophon, das mit vier Schlägeln bespielt wird. Er hat seinerzeit gar eim Klezmer-Großmeister Giora Feidman studiert. Und er ist Straßenmusiker aus Passion. Ob in einer New Yorker Subway Station, auf dem Boulevard St. Michel in Paris oder vor dem Mailänder Dom, überall ist er zu Hause, überall ist er willkommen. So auch in Leipzig, dessen Straßenmusikszene er gut kennt und wo er sich Mitte Juni im Rahmen der „jüdischen Woche“ aufhielt. Seine Virtuosität und sein Witz sind Beispiel suchend.

Sie sprechen überraschend gut deutsch, haben Sie sich das während Ihrer Tourneeaufenthalte angeeignet oder haben Sie als Kind schon jiddisch gelernt und daher einen leichteren Zugang?

Jiddisch haben wir zu Hause nicht gesprochen. Erst durch das Deutsche habe ich mich dieser Sprache genähert. Das führt dazu, dass ich überall der Amerikaner oder der Jude bin, aber wenn ich mich jiddisch unterhalte, glauben alle, ich sei Deutscher, wegen des Akzents. Fakt ist aber auch, dass ich mir während meiner Tourneen aus mehreren Sprachen etwas angeeignet habe, um mit dem Publikum kommunizieren zu können. Das ist sehr wichtig – nur so kann die musikalische Sprache Wirkung finden.

Warum sind Sie denn das erste Mal nach Deutschland gekommen, um zu spielen?

Das war 1991, als ich West- und auch Ostdeutschland erstmals besuchte. Es glich einer Therapie von tradierten Vorbehalten. Nach dem zweiten Weltkrieg hatten gerade wir amerikanischen Juden ein furchtbar schlechtes Bild von Deutschland. Daher konnte ich mich an die Bevölkerung hier nur peu à peu herantasten. Dann aber war es spannend, diese junge Nation bei ihrer Identitätssuche zu beobachten. Mittlerweile fühle ich mich den Leuten gar in einer besonderen Weise verbunden, denn die deutsche Kultur ist ein kunstvoller Mix aus alten und neuen Elementen. Und genau das mache ich ja auch: Ich nehme ein Stück von Bach oder Mozart – also urdeutsch – und bearbeite und präsentiere es auf meine Weise, ebenso verfahre ich bei Klezmer und Jazz. Das bedeutete für meine Musik und die deutsche Kultur, dass sie quicklebendig sind, obwohl oder gerade weil sie auf historischen Sockeln stehen.

Unterscheidet sich das Publikum in verschiedenen Ländern oder Städten?

Nicht maßgeblich. Ich erreiche pro Tag etwa 20,000 Menschen, stets eine Mischung aus Reisenden und Einheimischen. Natürlich vertreten letztere auch immer eine lokale Sozialisation, doch habe ich im Laufe der Jahre gelernt, sensibel zu sein für Humor und Anspruch an gute Unterhaltung eines jeweiligen Publikums. Diese Befürfnisse befriedige ich.

Also der Straßenmusiker als Tiefenpsychologe?

Durchaus, ich kenne meine Zuhörerschaft, durch das Wissen um ihre Kultur und durch Äußerlichkeiten. Was das betrifft, bin ich bei anderen „Buskern” (Straßenmusikern – Anm. d. Red.) und beim Leben selbst in die Lehre gegangen. Ich kann auf meine Publika reagieren, deshalb unterscheiden sie sich für mich kaum voneinander. Mein Hut ist immer voll. (Lacht) Allerdings sind bei einer Gruppe von 200 Leuten, die um mich versammelt ist, auch immer zwei oder drei Rassisten in den hinteren Reihen dabei, oder Störenfriede, die mich beschimpfen. Für solche Gelegenheiten habe ich ein großes Sammelsurium an Sprüchen parat, um diese Menschen bloßzustellen und von der Gruppe zu isolieren. Dann ziehen sie meist von allein ab, mit hochrotem Kopf.

In Leipzig herrsche ein anderer Typus vornehmlich osteuropäischer Straßenmusiker vor, der nicht mit den Zuhörern in Interaktion zu treten vermag und dessen handwerkliche Fähigkeiten fraglich sind...

Ich weiß, das ist ein ernstzunehmendes, aber hausgemachtes Problem. Ab Juni 1989 hat die Straßenmusik als Form des öffentlichen Protestes entscheidend zum politischen Umbruch beigetragen und wird deshalb heute besonders unterstützt. Es kann praktisch jeder überall spielen, so lange er will. Anders ist das z.B. in München, wo man nur einmal pro Woche auftreten darf und sich den Platz erkaufen muss. Diese Toleranz der Leipziger Ordnungsbehörden wird auch von Menschen ausgenutzt, deren Können und Liebe zur Musik mehr als zweifelhaft sind. Normalerweise wäre dies nur eine Gruppe von vielen, aber der Umbau am Marktplatz und anderen Stellen vertreibt zudem die seriösen Musiker. Für deren ästhetisches Hörempfinden ist die Innenstadt zu hässlich. Also ist die Ursache für diese Entwicklung das Produkt aus zu liberaler Politik und zu wenigen guten Plätzen, die dann auch noch ständig von Akkordeonspielern besetzt sind. Da müssen unbedingt Regelungen getroffen werden, weil die Attraktivität der Stadt sonst doppelt leidet.

Bringt so etwas beim Publikum die Szene in Verruf?

In Leipzig besteht diese Gefahr, weil es kaum positive Beispiele gibt, um das Bild wieder gerade zu rücken. So gerät die Straßenmusik schnell in den Dunstkreis der Bettelei, obwohl sie in meinen Augen vor allem einen Bildungs- und Unterhaltungsauftrag hat. Und wenn Russen oder Rumänen ihre Kultur mit volkstümlichen Liedern verbreiten, ist das im Prinzip gut. Schlechte Adaptionen aber tragen nicht zur Verständigung bei, sondern schaden eher.

Ist dieser Aspekt der Bildung und Kulturverbreitung ein wichtiger Grund gewesen, Ihren sicheren Job im Jerusalemer Symphonie-Orchester aufzugeben und Straßenmusik zu machen?

Sicher. Viele Menschen kommen selten mit klassischer- oder Klezmermusik in Kontakt, auch mein Instrument ist weitgehend unbekannt. Es fehlt einfach die Zugänglichkeit. Ich lade sie ein, diese Welt kennen zu lernen, durch Humor, indem ich Geschichten erzähle und somit den Abstand abbaue, der in einem Konzertsaal unvermeidlich wäre. Der Klang ist dabei nur das Kleid, das den ersten sinnlichen Kontakt herstellt. Und für mich ist es ein ums andere Mal spannend, Passanten in den Bann zu schlagen, die eigentlich in Ruhe ihren Einkäufen nachgehen oder sich in der Mittagspause einen Snack holen wollen. Das Publikum und ich bekommen von dieser Liaison etwas, das mehr wert ist als das Geld, das ich am Ende als Honorar bekomme: Wir lernen viel voneineander über Kultur und Menschlichkeit und haben eine kurzweilige Zeit. In einem Orchester zu spielen ist nichts Schlechtes oder Anrüchiges, aber Straßenmusik ist besser. Man ist sein eigener Dirigent, Programmdirektor, Solist, Tourneemanager, Kassenwart und Publikumsforscher. Allemal interessanter als, wie in Tschaikowskys 4. Symphonie, drei Sätze lang stocksteif seines Einsatzes zu harren, um dann zwei Mal auf die Pauke zu hauen.

Welsches Lied spielen Sie vor diesem Hintergrund am Liebsten?

Es heißt „Erinnerungen an die Alhambra”. Es handelt vom Werden, Vergehen und Wiedererstehen der spanischen Festung, die einst von den Mauren erbaut worden ist. Die Christen haben sie zerstört und während der Inquisition Moslems und Juden aus dem Land vertrieben. In der Neuzeit wurde die Alhambra wieder errichtet und zwar von Angehörigen aller drei Glaubensrichtungen. Ich halte dies für ein schönes Gleichnis für Toleranz, den überreligiösen humanistischen Gedanken und die Kraft des reflektierenden Geistes, der sich erhebt über gestrige Vorurteile und Feindseligkeiten.