Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Münchner Merkur (16. Jul 2005)
Flucht auf die Straße



Alex Jacobowitz spielt auf der Marimba

Seine Ehefrau ist kein Fliegengewicht. Hundert Kilogramm bringt sie auf die Waage. Aber darauf kommt es nicht an. Alex Jacobowitz redet von Liebe. Er sagt liebesfilmreife Sätze wie „Ohne sie kann ich nicht leben“. Kein falsches Pathos, das sieht man in seinen ernsten, dunklen Augen. Seine Ehefrau, das ist eine Marimba, ein drei Meter breites Xylophon. „Unsere Ehe ist für die Ewigkeit“, sagt Alex Jacobowitz.

Geschäftsmänner, Touristen, Einkaufswütige, Teenager, sie alle bleiben stehen - wenn Alex Jacobowitz seinem Xylophon in der Münchner Füßgängerzone Töne entlockt. „Uih, der Mann hat ja vier Schlägel in der Hand”, rufen Kinder mit großen Augen. Ältere Damen blicken sehnsuchtsvoll. Manchmal sagt eine: „Können Sie denn auch etwas von Mozart spielen?“. Alex Jacobowitz nickt, versinkt für ein paar Sekunden in Gedanken und lässt nach einem teifen Durchatmen die Schlägel über die glatten Holzstäbe gleiten.

„Ich brauche den direkten Kontakt zum Publikum, zu seinen Ohren und Seelen“, sagt der 45-Jährige. Er wollte das schon immer, möglichst viele Menschen mit seiner Musik erreichen. Auch diejenigen, die sich die Eintrittskarte für ein klassisches Konzert nicht leisten können. „Das ist mein Verständnis von Demokratie“, sagt Alex Jacobowitz.

Er ist deshalb nach seinem Musik- und Xylophonstudium geflüchtet. Raus aus den Konzertsälen, hinaus auf die Straße, der jüdischen Tradition der Klezmorim folgend. Es geht um seine Botschaft, die Welt mit Musik zu verändern. Und um Freiheit. „Wenn ich morgen in die Schweiz fahren will, dann mache ich das einfach.“

In Prag spielt er oft auf dier Karlsbrücke, in Venedig fährt er mit seinem Xylophon auf einem Wassertaxi zur Piazza San Marco. In New York gibt es nicht immer einen festen Platz. Und in München? „Die Fußgängerzone, am liebsten nach dem Glockenspiel, weil sich dann immer die meisten Menschen dort tummeln.“

Seit 1991 musiziert er jeden Sommer hier. Auch wenn es ihm anfangs nicht leicht fiel. Bei seinem ersten Auftritt wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft von Passanten bedroht. Bis amerikansiche Soldaten vorbeikamen und halfen. Doch Alex Jacobowitz hat gezeigt, dass die Macht der Musik über allem steht. Die Menschen verstehen ihn ohne Worte. Und bleiben stehen, um für ein paar Minuten den Alltag zu vergessen.

Sylvie-Sophie Schindler