Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
Press    English  |  German  |  Hebrew  |  Hungarian  |  Japanese |  Polish  |   Portugese
Donaukurier Ingolstadt (21.Apr 2001)
Zwischen Bettler und Genie



Marimbaspieler Alex Jacobowitz aus New York verzaubert seine Zuhörer unter freiem Himmel mit Kompositionen von Bach, Mozart und Beethoven. Fotos: dpa, Westerholz

...

Der herrlichste tag des Jahres, es zuckt ihm in den Fingern – ist's ein Sabbat, bleibt Alex Jacobowitz daheim und nimmt keinen Schlegel in seine Hände. Leicht die breiten Tasten streichelnd oder behutsam anklopfend, ihre schwingenden Töne mit einem blitzschnellen Griff dämpfend, setzt er sie ein. Der mittelgroße, behände Mann, der konzentriert spielt und dennoch mit seinen dunklen Augen seine Zuhörer bannt, begeistert sie mit seiner eigenen Freude an der Musik.

Der Marimbaspieler ist ein frommer Jude mit Kipa, Hut, Schläfenlocken und Bart, mit koscheren Speisen für sechs Monate in der Kühlbox seines Tourneebusses. „Meine Musik ist das Bekenntnis meines Glaubens an göttliche Wahrheiten. Auch wenn ich Bach spiele, muss mein Publikum diese Wahrheiten darin entdecken!“

Alex Jacobowitz ist der letzte originale Klezmermusiker osteuropäischer Prägung, deren geniale Musikalität selbst Chopin beeinflusste. Seine Ahnen waren Ungarn, seine Eltern in den USA eingebürgert, ihr Sohn war mit dem Musikdiplom in der Tasche nach Israel gereist und Mitglied des in aller Welt engagierten Sinfonieorchesters Jerusalem geworden.

„Im vierten Satz der vierten Tschaikowsky-Sinfonie musste ich wie wild auf den Triangel einschlagen, drei Sätze lang saß ich herum. Da kam mir der Gedanke, dass ich als Straßenmusiker viel mehr Spaß haben würde, weil dann ich die tragende Melodie spielte, Ton, Tempo, das Auf und Ab meines Konzerts bestimmte. Kurzum: Mein eigener Boss mt eigenen Programmen wollte ich werden.“

Seine Marimba, ein überdimensioniertes Xylophon aus Palisander, drei Meter lang, 100 Kilo schwer, bespielt er seit 20 Jahren in Konzertsälen und Fußgängerzonen von Amsterdam über Tokio, Rom, Warschau, Madrid, Budapest, wien, München, Berlin und quer durch Amerika. Musikkritiker wie der Münchner Professor Joachim Kaiser würdigen Jacobowitz´ Straßenauftritte als Ursache des wachsenden Interesses an dem von ihm gespielten Instrument. Dass experten ihn in eine Reihe mit dem Cellisten Miszeslaw Rostropowitsch und dem Geiger Yehudi Menuhin stellen, die in Deutschland mit politischen Solidaritätsauftritten an der Berliner Mauer und weltweit mit demonstrativen Freiluftkonzerten populär wurden, lässt Jacobowitz aufstrahlen.

Unumwunden räumt er ein, „dass dies Auftritte selten weniger als 2000 Mark am Tag eintragen“, was er einerseits „auf Grund meiner Leistung“ für gerechfertigt hält, ihn andererseits „dank meines Muts zum Risiko“ dazu zwingt, Aktienkurse aller Börsen der Welt zu beobachten – „irgendwo muss ja mein mit Anstand verdientes Geld angelegt sein und möglichst hohe Dividenden bringen“. Aber er fühlt auch einen religiösen Auftrag. Wenn die Töne seine Zuhörer bis zur Atemlosigkeit begeistern und sich, während sie in die Luft perlen, mit Vogelgesang anreichern, „ist die Aufnahmebereitschaft für die göttlichen Wahrheiten überdeutlich spürbar“, doziert der nun ganz ernste Musiker mit dem Eifer eines jüdischen Propheten.

...

Von Michael Westerholz