Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Wiesbadener Kurier (6.Juli 2001)
Seit 20 Jahren auf Europas Straßen unterwegs

Showtalent und Virtuose auf der Marimba in der Wiesbadener Fußgängerzone: Alex Jacobowitz sucht den Dialog mit seinem Publikum

Von KURIER-Redakteurin Doris Schröder


Alex Jacobowitz lässt auf der mehr als 100 Kilo schwer Marimba die Schlegel tanzen. Sein Lieblings-
komponist ist Johann Sebastian Bach. Foto: RMB/Windolf.


In seine Händen wirbeln vier bunte Schlegel über die mehr als hölzernen Brettchen der drei Meter langen Marimba, einer Art Riesen-Xylophon. Hastende Menschen in der Kirchgasse halten inne, irritiert von den ungewohnten Klängen: Bach, Beethoven, Mozart – auf der Marimba. „Hallo, ich bin Alex, und das ist mene Frau“, stellt der Straßenmusiker sich und sien Instrument vor. Auf dem Kopf eine Kippa, die Kopfbedeckung religiöser Juden, darunter ein Wuschelkopf mit Schläfenlocken: Alex Jacobowitz versteckt seine Relgiosität nicht, und will doch nur ”der Alex“ sein, kein Symbol für Vergebung in deutschen Fußgängerzonen und auch kein Repräsentant aktueller israelischer Politik. Allein mit seiner Musik will er überzeugen, „die Leute zusammenbringen“. Und wenn dabei die CDs weggehen wie warme Semmeln („Die rote ist Bach, die grüne spanisch, die blaue alles und die mit der hebräischen Schrift die neueste“), die Menschen zwischen den Stücken den Dialog suchen und mehr über Mensch und Musik erfahren wollen, hat der Global Street Player sowohl seinen Anspruch erfällt als auch den Lebensunterhalt gesichert.

Das Showtalent bring der gebürtige New Yorker aus seiner amerikanischen Heimat mit, das musikalische Können von seiner Ausbildung als Orchestermusiker. Einen Großteil des Jahres zieht der 41-jährige Vater von sieben Kinder mit seinem Instrument durch die Länder Europas. Den anderen wohnt er in einer israelischen Siedlung im Westjordanland.

Erst auf Deutsch, dann auf Französisch erzählt der Bach-Fan seinem Publikum über sich, seine Liebe zur Musik. Wie er es als Orchestermusiker leid war, im Hintergrund zweimal pro Stunde die Triangel zu bedienen und vor 20 Jahren beschloss, fortan das Straßenpublikum vorzuziehen: Unvorbereitet, ohne Erwartungen, voller Fragen. Aber nicht wie andere Straßenmusiker, die für sich allein wie hinter einer Mauer spielen und denen die Passanten die Münzen in die Mütze werfen, als würden sie Tauben füttern, sondern indem er seine Musik mit anderen teilt. Und wenn eines Tages ein Zuhörer sagt: „Hey, wir haben uns doch vor sieben Jahren in Helsinki gesehen“, weiß Jacobowitz, dass seine Entscheidung gegen den Konzertsaal die richtige war. Denn mögen jeweils nur ein paar Dutzend Zuhörer der Klassik-Marimba lauschen, macht das doch leicht 1000 pro Tag.

Heute vielleicht noch einmal, denn so lange will Jacobowitz noch in Wiesbaden bleiben. Hier gibt es zu seinem Bedauern zwar kein koscheres Restaurant, aber dafür angenehmen Schatten unter den Bäume der Fußgängerzone. Nächste Woche dann gibt er ein Konzert in Nürnberg – eine Kirchengemeinde hatte ihn auf der Straße spontan dazu eingeladen, und dann? „Dass Wetter bestimmt die Route.“