Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Jüdische Rundschau Basel (1.Juli 1993)
Der Marimbaphonspieler Alex Jacobowitz in Europas Innenstädten:

Lächelnd auf den Spuren seiner Vergangenheit

Basel, Freie Strasse, Sommersonne; eine Menschentraube drängt sich um einen mit Anzug und Krawatte gekleideten Xylophonspieler, der mit seinen beiden Schlegeln den „Türkischen Marsch“ spielt und „Eine kleine Nachtmusik“ und Ausschnitte aus den „Vier Jahreszeiten“ und der in einem amerikanisch gefärbten Englisch erklärt, wie Mozart, Beethoven und Vivaldi ihre Stücke verfassten. Es ist eine richtige Onemanshow, die da abrollt. Der Mann bezeiht das Publikum ein, lächelt jüngere und ältere Passantinnen und Passanten an, dankt höflich für Zwischenapplaus.


Von Peter Bollag



So wie hier Passantinnen und Passanten in der Basler Innenstadt erfreut Marimbaphonspieler Alex Jacobowitz im Sommer zahlreiche Menschen mit seiner „Onemanshow“. Foto Schnetz

Der Mann heisst Alex Jacobowitz, trägt stets eine schwarze Kippah und lebt eigentlich in Israel. Sein Instrument – zwei Meter lang, ein Meter hoch und rund 70 kg schwer – ist ein Marimbaphon und Jacobowitz (33) ist einer von bloss drei Profi-Marimbaphonspielern, die es in den USA gibt. Als die Vorstellung zu Ende ist, zeigen sich die Zuhörer beeindruckt und grosszügig. Alex Jacobowitz kommt an, sein Hut ist beinahe voll.

Wer ist dieser junge Mann, der in den Sommermonaten in den Innenstädten vieler europäischer Städte auftaucht, um mit seinen Weisen so viel Menschen Freude zu machen? „Ich bin Berufsmusiker, haben eine normale Ausbildung zum Solomusiker hinter mir“ erzählt der Wahl-Israeli, der die Wintermonate in einer Jeschiwah in Jerusalem verbringt. Die Einsicht, dass er als Strassenmusiker viel mehr und vor allem andere Menschen erreichen könnte als in den Konzertsälen als Konzert musiker, trieb ihn einst auf die Strassen. Die von New York zuerst und seit einigen Jahren auf die europäischen. Dazwischen liegt seine Hinwendung zur Religion und seine Alyiah nach Israel. Jacobowitz hat seinen Stil gefunden im Laufe dieser Jahre, er selbst nennt ihn „informance“, was eine Zusammenziehung aus „information“ und „performance“ (Vorstellung) ist.


Rückkehr nach Europa

„Diese Mischung aus amerikansichem Show-Stil und europäischer Musik kommt offensichtlich an“, lächelt der Musiker nicht unzufrieden. Doch im Laufe des Gespräches kommen auch andere, tiefere Gründe zum Vorschein, warum Jacobowitz Europa bereist. Seine Grosseltern, die aus Ungarn nach New York ausgewandert waren und so der Shoa entkamen, standen ihm bei seinem anfänglichen Begegnungen in Europa stets vor Augen: „Bei meinem Auftritt in Budapest war auch das ungarische fernsehen dabei und strahlte eine Sendung über mich aus. Vor etwas mehr als 40 Jahren wäre ich am gleichen Ort wahrscheinlich grausam ums Leben gekommen und hätte nicht einmal ein eigenes Grab gehabt“, reflektiert er grüblerisch. Eine Schizophrenie, die ihm auch in München heraufkam, als er das Wort „Dachau“ hörte: „Ich habe dieses Wort nie mit einem normalen Ort assoziiert, in dem Menschen heute leben, als hätte es dort kein KZ, keine Greuel und Unmenschlichkeiten gegeben.“ Vielleicht gibt es Menschen, die in der Dachauer Strasse wohnen und noch nie über die Nazizeit nachgedacht haben. Dennoch hat Jacobowitz keine Probleme mit der möglichen Tatsache, dass gerade in Deutschland auch ehemalige Nazis sich unters Publikum mischen könnten: „Ich verdränge in solchen Momenten die schrecklichen Erinnerungen.“ Auf allfällige antisemitische Reaktionen angesprochen, meint Alex Jacobowitz: „Sie sind glücklicherweise bisher eher selten, die positiven Reaktionen überwiegen bei weitem.“ Komisch sei dann schon eher, wenn in einer deutschen Kleinstadt nach einer Vorstellung jemand auf ihm zukomme und ihn verschwörerisch – meist noch sich nach allen Seiten umdrehend – frage: „Entschuldigen Sie bitte, sind Sie Jude?“ gerade in kleineren Orten könne es aber auch vorkommen, dass Menschen mit leuchtenden Augen auf ihn zukämen: ”Wissen Sie, wir sind auch jüdisch – Schalom!“


Aufgeschlossenes Schweizer Publikum

In die Schweiz ist Jacobowitz durch Freunde aus Luzern gekommen, die ihn in Budapest geshene hatten und spontan zu sich einluden. Für den Religiösen macht das so die Respektierung der Schabbatgesetze leuchter und löst auch allfällige Kashrut-Probleme. er hält das Schweizer Publikum für aufgeschlossener als dasjenige in anderen Ländern, und nach der Art, wie er das sagt, glaubt man ihm das auch. Überrascht hat ihn aber auch, in den Schweizer Städten religiöse Juden und ein funktionierendes jüdisches Gemeindeleben zu sehen: „Von New York aus gesehen, beschränkt sich das jüdisch Leben in Europa auf Paris und London: diese Ansicht musste ich schnell korrigieren.“ Nachdenklich wird der Israeli auch ein bisschen, wenn er an die Reaktionen vieler orthodox Juden auf seine „informance“ denkt: „Nicht wenige Orthodoxe kennen nur die „Gebrauchsmusk” wie Hindemith das genannt hat, Musik, die an Simchot gespielt wird, und können mit klassischer Musik nichts anfangen.“

Die Tatsache gehe dabei vergessen, das es früher im Osten, aber auch in den USA jüdische Berufsmusiker gegeben habe, die an nichtjüdischen Festivitäten gespielt und dabei ein durchaus abwechslungsreiches Programm gehabt hätten: „Nigun ist Nigun.“ Bevor Alex Jacobowitz zu seinem Publkum zurückeilt, das er für das Gespräch eine Stunde „im Stich gelassen“ hat, verrät er noch, warum er keine Klezmermusik macht, sondern sich lieber in der Welt von Mozart und Vivaldi bewegt: „Die Klezmermusik, die heute auf unseren Strassen gespielt wird, fördert das Klischeebild vom „jüdischen Bettler“ meiner Meinung nach allzu sehr.“