Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Bielefelder Tageblatt (14.Mai 1993)
Alex Jacobowitz mit seinem Marimbaphon gestern unter den Arkaden des Theaters am Alten Markt.
Foto: W. Rudolf




Alex Jacobowitz mit seinem Marimbaphon in Bielefelds Innenstadt

Virtuose in der Fußgängerzone

Von Thomas Güntter

Beilefeld. Jeder Konzertsaal auf der Welt würde kopfstehen. Aber Alex Jacobowitz spielt selten in Konzertsälen, höchstens mal im renommierten Lincoln Center in New York. In der Stadt wurde Alex im Jahr 1960 geboren. Die meiste Zeit des Jahres reist der 33jährige mit seinem Instrument durch die Welt, vornehmlich durch Europa. Ungarn, Österreich, die Schweiz, Dänemark, Skandinavien oder Frankreich. Gestern war er in Bielefeld. Heute ist er auch noch hier.

Jacobowitz spielt Marimbaphon, ein überdimensionales Xylophon, zwei Meter lang, einen Meter hoch und 70 Kilogramm schwer. In jeder Hand zwei Schlegel, beherrscht er das Instrument virtuos, spielt klassische Klavierstücke von Chopin, Beethoven oder Mozart, intoniert zwei- und dreistimmig, läßt die Schlagköpfe in atemberaubendem Tempo bei Bachs d-Moll-Toccata über die Palisander-plättchen sausen und legt weiche Klangteppiche in die Fußgängerzone am Alten Markt.

Alex ist einer von drei Marimba-Profis, die es in Amerika gibt. In der Schule spielte er Schlagzeug, mit 19 Jahre begann er Drums zu studieren. Eines von 100 Instrumenten, die er im Studium lernen mußte, war das Marimbaphon. In fünf Minuten fällte er eine Entscheidung fürs Leben, stoppte alles andere und spielte nur noch das Rieseninstrument mit dem weichen Klang – bis zu zwölf Stunden täglich. Mit 21 Jahren gewann er einen Musikerwettbewerb im kanadischen Montreal.

Dennoch zog es ihn auf die Straße. „Ich bin Künstler“, sagt er, „ich will etwas ausdrücken.“ Heute kann er von der Musik leben, sagt er. Seine Frau und die fünf Kinder auch. Die wohnen in Jerusalem. Alex, der die Kippa der traditionellen Juden trägt, ist mit seiner Familie vor einigen Jahren nach Israel ausgewandert.

Das deutsche Publikum sei freundlich und höflich, interessierte sich für seine Musik und das Instrument, aber das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden sei sehr kompliziert, die Geschichte könne man nicht verleugnen. Unsensibel seien einige, besonders die Menschen in „Bavaria“: „Wenn die sich mal klarmachen würde, welche Empfindungen ein Jude hat, wenn er in München über die Dachauer Straße geht oder nach Dachau selber reinkommt, würden die Leute Stadt und Straße sofort umbenennen.“

Er selber wurde nur geboren, weil sein Großeltern in den dreißiger Jahren von Ungarn, wo die Juden verfolgt wurden, nach Amerika flohen. „Ich kann den Menschen den Umgang mit der Vergangenheit nicht beibringen“, sagt er. Die Musik, ist sich Alex sicher, kann es.