Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Frankfurter Rundschau (28.Aug 1992)
Sinfonien gegen den Lärm der Straße

Alex Jacobowitz und sein Marimbaphon

An der Ecke Zeil / Liebfrauenstrße erklingt gefühlvoll Beethovens Neunte, weht über die Köpfe der Umstehenden hinweg zur Hauptwache hinüber und geht dann im Baustellenlärm unter. Der Mann, der die Sinfonie ertönen läßt, hat zwei Schlegel in jeder Hand und läßt sie rasant auf 52 Holzplättchen niedersausen – Alex Jacobowitz zieht die Passanten Tag für Tag mit seinem riesigen Marimbaphon an, einem überdimensionalen Xylophon.

Das Instrument ist zwei Meter lang, einen Meter hoch und wiegt rund 70 Kilogramm. Jacobowitz mußte es am vergangenen Sonntag in Köln kaufen, nachdem ihm Diebe ausgerechnet auf der Frankfurter Zeil Teile seines alten Marimbaphons geklaut hatten: „Das Instrument ist alles für mich, ich lebe davon.“

Alex Jacobowitz – geboren 1960 in New York – ist amerikanischer Jude und einer von höchstens drei professionellen Marimbaphonspielern in ganz Amerika. Schon in der Schule hatte er Schlagzeug gespielt, mit 19 Jahren dann ein Schlagzeugstudium begonnen. „Das Marimbaphon war eines von 100 Instrumente, das wir als Studenten spielen mußten, aber nach fünf Minuten traf ich eine Entscheidung für's Leben, stoppte alles andere und spielte nur noch Marimbaphon.“ Zwölf Übungstunden am Tag waren für ihn damals nichts Ungewöhnliches.

Mit 21 Jahren gewann er einen Musikerwettbewerb in Montreal und war in der Lage, seinen Lebensunterhalt mit Straßenmusik zu verdienen. Gelegentliche Auftritte als Percussionist im Orchester oder ein Konzert im renommierten Lincoln Center haben daran bis heute nichts geändert. Jacobowitz glaubt, auf der Straße „zehn mal mehr Leute erreichen“ zu können als im Konzertsaal. Außerdem könne er so den Menschen seine Musik besser erklären.

Der 32jährige spielt schon mal Jazz und U-Musik auf seinem Instrument, die „größten Gefühle“ hat er aber bei Bach, Beethoven, Mozart, Scarlatti, und Chopin. Den Europäern – Jacobowitz war dieses Jahr schon in Ungarn, Österreich, Frankreich, den Niederlanden und Dänemark – bringt er vor allem klassische Meisterwerke zu Gehör, und seine Ansprüche sind hoch: „was ich mache ist Kunst, wichtig sind die zehn Minuten, die ich die Leute glücklich machen kann.“

Der Musiker, der als traditioneller Jude stets seine schwarze Kippa aufhat, spart nicht mit Lob für seine deutschen Zuhörer. Ihr gutes Englisch und ihre Höflichkeit gefallen ihm. Sie nähmen sich mehr Zeit zum Zuhören als die Amerikaner, stellten ihm viele Fragen. Der Normalfall sind die Konzerte in deutschen Fußgängerzonen für ihn aber trotzdem nicht. Daß jemand alle paar Tage verächtlich „Jude“ zu ihm sage, das könne er ignorieren. Nicht aber die deutsche Geschichte und die Vorfälle in Rostock.

Manchmal sei so ein Konzert eine „sehr schmerzliche Sache“, werde er mit der unheilvollen Vergangenheit konfrontiert: „Schließlich wäre ich gar nicht geboren worden, wenn meine Großeltern Ungarn nicht in den dreißiger Jahren verlassen hätten. In Budapest, wo sie mich im Fernsehen zeigten, wäre ich vor einigen Jahrzehnten noch getötet und in den Fluß geworfen worden.“

Auch die Geschichte der Frankfurter Jüdischen Gemeinde wühlt ihn innerlich auf. Jacobowitz stand im Jüdischen Museum „vor einer großen Wand, auf der die Namen der Deportierten zu lesen waren. Es sind viele Leute darunter, die so heißen wie ich, und ich fragte mich: Ist das meine Familie?“

Unweit dieser Wand, in den Räumen des Jüdischen Museums, wird Alex Jacobowitz am kommenden Sonntag um 14 Hur sein Marimbaphon aufstellen und eines seiner seltenen In-Door-Konzerte geben.

THOMAS BERTSCH