Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Aus Günter Grass' Anthologie, In Einem Reichen Land (2002)
Aus Günter Grass' Anthologie,
In Einem Reichen Land - Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft
(Steidl Verlag, Göttingen, 2002):

Anatol Regnier »Wo ist Tom Dooley?«
Straßenmusikanten in München

...

Heftiger Frühling lockt fremde und Einheimische auf den Marienplatz. Ein besonders Einheimischer mit Lederhosen, Rauschebart und Bierbauch fährt langsam mit dem Fahrrad im Kreis, wahrscheinlich auf der Suche nach Opfern, denen er die Welt aus bayerischer Sicht erklären kann. Eine Gruppe von Japanern scheint interessiert. Vom Alten Peter schlägt es zehn, ringsum fallen Glocken ein, und die Informationsstelle der Landeshauptstadt öffnet ihre Pforten. Dort gibe es Genehmingungen für Straßenmusikanten. Vielleicht treffe ich Tom Dooley.

Nein. Ein orthodoxer Jude stürzt an den Schalter. Schwarze Haare, schwarzer Bart, schwarzes Samtkäppi, Rigellocken. Der Rathausbeamte scheint ihn gut zu kennen, erteilt eine Genehmigung und kassiert zehn Mark Bearbeitungsgebühr. Ich trage mein Anliegen vor. Hat er Zeit, sich mit mir zu unterhalten? Warum nicht. Musizieren darf er sowieso erst ab drei. Außerdem besagt eine jüdische Weisheit, daß es keine Zufälle gibt - ich bin Teil seines Schicksals.

Er heißt Alex Jacobovitz, spielt Marimbaphon, ist vierzig Jahre alt und stammt aus New York. Ja, er ist Straßenmusiker, seit zwanzig Jahren, uehn davon in Europa, und eins will er gleich sagen: Er nimmt seinen Beruf ernst! Ernster als jeder andere, den er kennt. Er hat sogar ein Buch darüber geschreiben, im Selbstverlag, bei Hugendubel erhältlich. Er hat eine eigene Website, beschäftigt eine Sekretärin und kennt die Infrastruktur von 300 Städten auswendig - wo kann man parken, telefonieren, wo big es guten Kaffee, wo bruacht man eine Genehmigung, wie tolerant ist die Polizei? Wetterberichte lädt er sich vom Laptop aufs Handy.

München ist ein schwieriges Pflaster, aber die Münchner Fußgängerzone für Straßenmusikanten eine der begehrtesten. (Kein Wunder, daß ich Tom Dooley hier nicht treffe.) Man darf nur einmal pro Woche von zehn bin eins oder von drei bis elf Uhr abends spielen. Es werden pro Schicht nur fünf Genehmigungen erteilt (deshalb war er vorhin so in Eile), und man muß jede Stunde den Standort wechseln. In Berlin sind die Menschen lockerer, aber für Musik weniger empfänglich. Wien ist gut, Basel besser. Gestern war er in Weimar.

Alex hat sechs CDs bespielt, mit selbst arrangierter klassischer, spanischer und jüdisch/israelischer Musik. Sein Vorbild ist der Xylophonvirtuose Michael Joseph Guzikoff, Zeitgenosse Liszts und frommer Jude. Alex' Wohnmobil hat eine koschere Küche, er kennt alle Synagogen und jüdischen Lebensmittelgeschäfte und ruht am Sabbat, wie es die Schrift verlangt. Um so beschäftigter ist er zwischendurch. Gott schätzt den, der schnell geht.

Stimmt. Alle paar Minute klingelt sein Handy. Alex spricht Englisch und Deutsch, nimmt Bestellungen entgegen, gibt der Sekretärin Anweisungen, vereinbart Termine. In Leipzig will man ihn hören. Ein Musikvertrieb interessiert sich für seine CDs. Ein Produzent will mit ihm sprechen.

Wir schauen noch schnell, ob sein Buch bei Hugendubel steht. Nein? Wie kann das sein? Der Angestellte verspricht sofortige Nachbestellung. Bei Beck am Rathauseck haben wir mehr Glück.

»Wo verbringst du das Passahfest?« frage ich.
»In Israel bei meinen Kindern.«
»Was? Kinder hast du auch? Wie viele?«
»Sieben. Ich fliege ständig hin und her. Ich glaube, ich habe mehr Miles-and-more-Punkte als der Bundeskanzler. Vielleicht verdiene ich eines Tages auch mehr. Nichts ist unmöglich!« Alex zwinkert mir zu und verschwindet in der Menge mit wehenden »Tzitzit«, jenen Schnüren, die fromme Juden über der Hose tragen, um sie an die 613 Gebote der Tora zu erinnern.

Wo ist Tom Dooley?

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