Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Münchner Merkur (12. Mai 1998)
Musiker Kämpfen um einen Platz in der "guten Stube"



Kaum scheint die Sonne, da wird die Fußgängerzone zur Show-Bühne. Ein Farbiger singt Blues-Melodien, Peruaner trällern heimische Weisen, ein Amerikaner spielt auf einer Marimba, ein Italiener ruht sich auf seinem Nagelbett aus, ein Belgier fährt Einrad. Wie oft und wann Musiker in der "guten Stube" auftreten dürfen, ist genau festgelegt - zum Leidwesen vieler Hobby-Künstler. Sie fühlen sich bevormundet, wie der Akkordeonspieler Ivan Hajek sagt.

Der gebürtige Prager, der von der Straßenmusik lebt, wie er sagt, ist erbost darüber, daß es ihm untersagt wird, bei seinen Auftritten seine CDs zu verkaufen. In Augsburg beispielsweise dürfe er das. Vom Trinkgeld könne er nicht leben. "Ein Kollege, der gegen diese Vorschrift verstoßen hatte, mußte 700 Mark Strafe bezahlen", berichtet er. In das gleiche Horn wie Hajek stößt Alex Jacobowic aus New York, der die Marimba meisterhaft beherrscht. "Die Münchner sind offen für Musik, aber wir werden zu sehr reglementiert."

Die Antwort von Walter Sinseder, der im Baureferat für Sondernutzungen zuständig ist: Wir wollen sicherstellen, daß in München Musikanten aus allen Teilen der Welt zm Zug kommen." Er verweist auf eine Verwaltungsordnung der Landeshauptstadt, die festlegt, daß gewerbliches Musizieren in Münchens guter Stube nicht erlaubt ist. Außerdem habe der Stadtrat in seinen Spielregeln festgeschrieben, daß störende Instrumente wie Trompete und Posaune untersagt sind. CDs und Kassetten dürfen nicht verkauft werden.

1997 wurden in München knapp 1200 Auftritte genehmigt, wobei pro "Gastspiel" bis zu vier Musiker aufspielen dürfen. Jeder Musikus bekommt pro Woche nur eine Auftrittsgenehmigung. Spielzeit ist täglich von 10 bis 13 Uhr un von 15 bis 22 Uhr. Dabei müssen die Musikanten nach jeweils einer Stunde ihren Standort wechseln, damit die Geschäftsleute nicht genervt werden.

Geduldet sind Künstler, die mehr oder minder geräuschlos auftreten, also Zauberer, "lebende Denkmäler", Fakire, Einradfahrer und Jongleure. Zu ihnen gehört auch ein Amerikaner aus Tennessee, der seine Vorstellungen stets mit dem "größtem Trick der Welt" beendet: "Now I´m gonna make your money my money" ("Jetzt mache ich aus Ihrem Geld mein Geld") sagt er, und hält den Zuhörern seinen Hut hin. Marimba-Mann Alex Jacobowic hat auch einen guten Spruch drauf: "Bitte werfen Sie keine Nünzen in meinen Topf, während ich spield. Das wirkt störend. Scheine sind leiser."

Hans Piontek