Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Bonner Rundschau (14. Jul 1994)
Glühendes Pflaster und flirrende Luft: Plötzlich spielt einer Vivaldis „Der Winter“ im Schatten Beethovens

Sommer, Sonne, Musik in der City . . .



Sinfonien gegen die drückende Hitze spielte Alex Jacobowitz auf seinem Marimbaphon - unter dem wachsamen Auge Beethovens. Seine „Neunte“ allerdings wollte er den Zuhörern ersparen: „Die dauert anderthalb Stunden!“ Foto: Schreiber

Das war wieder ein heißer Tag in Bonn. die Quecksilbersäule stand bei über 30 Grad – Meterologen registrierten damit den achten sogenannten Sommertag in diesem Monat. Abkühlung im Freibad oder im Springbrunnen suchen, oder in der City bleiben, wo plötzlich wunderschöne Musik zu hören ist?

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Von Ulrike Schödel

Bonn. In der brütenden Mittagshitze – die Computer glühten bereits und der Gedanke an Arbeit war lähmend – rief ein Freund in der Redaktion an: „Komm auf den Münsterplatz, da ist ein sensationeller Marimba-Spieler!“ Das auch noch! Nun gut, nun gut. Schwerfällig nur stzten sich die Beine in Bewegung. Von Ferne bereits – in der Poststraße – war Vivaldi zu hören: „Der Winter“ aus den „Vier Jahreszeiten“. Ein Witzbold mußte das sein, der „Charlys“ gnadenlose Meterologie mit kühlere Musik Lügen strafen wollte.

Im Schatten Beethovens stand er da: Alex Jacobowitz, der Spieler, entlockte mit vier Schlegeln dem Marimbaphon leichthin Musik aus einer anderen Welt. Bach, Beethoven, Chopin . . . Plötzlich spielte die Hitze keine Rolle mehr. Schlag zwölf macht der Nachfahr ungarischer Juden, die nach Amerika ausgewandert waren, eine Pause: „Er wolle das Glockengläut des Münsters nicht stören. Oder umgekehrt“, erklärt Jacobowitz, der Amerikaner, mit Vollbart und Kippa fröhlich seiner faszinierten Straßengemeinde. Er nutzt die Unterbrechung für weitere Erklärungen (zum Beispiel, daß er alle Stücke für sein Instrument, das ja alle Töne eines Klaviers besitze, eigenhändig transponiert habe) – und für eine Demonstration: „Musik machen ist ganz leicht“, verspricht er grinsend.

Plötzlich legt er mit zwei Schlegel in der Hand. „Kommen Sie, kommen Sie – ich zeige Ihnen, daß Sie es können.“ Dreimal kuß ich bis Sechzehn zählen und die Klöppel im Tick-Tack einer großen Standuhr schlagen. Derweil zaubert Jacobowitz neben mir irrwitzige Kapriolen auf dem Xylophon verwandten Instrument. Zum Dank schenkt er mit 'ne Mark aus seinem Klingeltopf: „Sehen Sie, so einfach!“

Alex Jacobowitz ist nicht nur ein erstklassiger Musiker (mit 19 Jahren studiert er in New York ursprünglich Schlagzeug und verliebte sich sofort in das Marimbaphon), er ist auch ein witziger Entertainer: „Denken Sie daran, Mozart ist arm gestorben, bewahren Sie mich vor dem gleichen Schicksal“, witzelt der 33jährige, der seit vier Jahren in den Sommermonaten mit einem VW-Bus durch Europas Städte tourt und hier seine „Sinfonien gegen den Straßenlärm“ verkündet. In diesem Jahr wird er erstmals von seinen zwei ältesten Söhnen – Dovid (9) und Shmuel (8) – begleitet, während seine Frau mit den vier jüngeren Geschwistern in Jerusalem geblieben ist.

Auf dem Weg zurück war die Hitzemüdigkeit verflogen. Dank Alex Jacobowitz und seiner Kunst.