Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
Press    English  |  German  |  Hebrew  |  Hungarian  |  Japanese |  Polish  |   Portugese
Berliner Morgenpost (Nov 1998)
Am Sabbat ruht die Marimba

Alex Jacobowitz, ein frommer Jude aus New York,
sorgt für Furore – als Straßenmusiker


Von Arne Delfs
------------------


Chanukka-Leuchter und afrikanische Marimba: Alex Jacobowitz entspricht
so gar nicht dem Klischee vom orthodoxen Juden. Foto: Fromm



Alex Jacobowitz ist weiß Gott kein gewöhnlicher Straßenmusiker. Das verrät bereits sein Instrument. Während andere Straßenkünstler sich mit einer kleinen Geige oder Gitarre bescheiden, musiziert der orthodoxe Jude aus New York auf einer drei Meter langen und über 100 Kilo schweren Marimba, einer Art überdimensionalem Xylophon. Mit dem klingenden Ungetüm, das ursprünglich aus Afrika stammt, zieht der fromme Mann seit 20 Jahren um die Welt, spielt an den Straßenekken von Amsterdam, Wien oder Tokio.

"Es geht mir nicht nur um den schönen Klang, sondern auch um religiöse Wahrheit", erklärt der Straßenmusiker, der sich auf die Tradition des klassischen Klezmers, des jüdischen Musikanten, beruft. Zu seinem Repertoire gehören Bach und Beethoven genauso wie jiddische Stücke. Dazu erzählt er Geschichten von Gott und der Welt. Doch wenn am Freitag abend die Sonne untergeht, verstummt auch seine geliebte Marimba. Während des Sabbats läßt Jacobowitz, wie alle orthodoxen Juden, die Arbeit ruhen.

"Wer nach dem Gebot Gottes lebt, der wird am Ende der Woche trotzdem mehr Einkünfte haben", sagt Jacobowitz, der als Zeichen seiner Strenggläubigkeit einen Hut und lange Schläfenlocken trägt. "So steht es geschrieben." Doch neben der Thora gehören auch Laptop und Handy zur Grundausstattung des gottesfürchtigen Marimba-Virtuosen. Über das Internet erführt er, wo gerade die Sonne scheint oder wie die Aktienkurse stehen. Wie alle Straßenmusiker ist auch der glaubensstarke Mann von den Launen des Wetters abhängig. Regnet es in Amsterdam, fährt er einfach nach Rom oder Madrid. In seinem Bus sind koschere Nahrungsmittel für sechs Monate vorrätig - für alle Fälle.

Für das Leben auf der Straße entschied sich Jacobowitz während seines Engagements als Schlagzeuger am Sinfonieorchester in Jerusalem. Genauer gesagt während der Aufführung von Tschaikowskys vierter Sinfonie. "Die ersten drei Sätze saß ich nur rum, dann mußte ich wie wild auf die Triangel einschlagen", erinnert er sich. "Als Straßenmusiker bin ich mein eigener Boß. Ich versuche, die Passanten für kurze Zeit mit meiner Musik festzuhalten." Das gelingt ihm anscheinend ganz gut. An manchen Tagen kommen bis zu 2000 Mark zusammen. Nur im Winter spielt er jetzt noch in Konzertsälen. An diesem Sonntag, zum Beginn des jüdischen Lichterfestes Chanukka, gibt er ein Konzert im Berliner Centrum Judaicum.

Sein erstes Geld verdiente Jacobowitz in den Straßenschluchten von Manhattan. Zweimal gab er Solokonzerte im Lincoln Center. 1989 siedelte er mit seiner Familie nach Israel über. Über Umwege kam er vor sieben Jahren das erste Mal nach Europa. "Gott hat mich hierher geführt", weiß der 38jährige heute. Doch die Wege Gottes sind bekanntlich unerforschlich. Während Jacobowitz in Budapest auf seinen Zug wartete, entschloß er sich spontan, auch dort ein kleines Konzert zu geben. Er stellte sich an eine Straßenecke - und hatte das größte Publikum seines Lebens: "Die Menschen feierten mich als Helden, weil sie sahen, daß die jüdische Kultur überlebt hatte." Für Jacobowitz auch eine zutiefst persönliche Erfahrung: Seine eigenen Großeltern stammten aus Ungarn.

Über Wien leitete ihn Gott schließlich nach Deutschland. "Der erste Tag in München war die größte Herausforderung", so Jacobowitz. "Vier Antisemiten bedrohten mich." Deutsch empfindet er noch immer als "eine grausame Sprache, die keine Erlösung verspricht." Doch diese verbale Grausamkeit beherrscht Jacobowitz mittlerweile erstaunlich gut. Und wo ihm die Worte fehlen, spricht seine Marimba. "Musik kann die göttliche Wahrheit besser ausdrücken als Sprache", erklärt er. "Auch wenn ich Bach spiele, muß mein Publikum diese Wahrheit verspüren."

Wie zum Beweis spielt Jacobowitz ein Stück aus den Goldberg-Variationen. Auf dem Palisanderholz seiner Marimba klingt Bach seltsam fremd und vertraut zugleich. Und hinter der mystisch schwebenden Musik vernimmt der Zuhörer unter Umständen sogar einen Anklang göttlicher Wahrheit.