Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Leipziger Volkszeitung Interview (8. Nov 2000)
Alex Jacobowitz spielt heute in der Handelsbörse

Der vielleicht einzige Marimbaphonist ist ein Rattenfänger




Alex Jacobowitz zählt zu den außergewöhnlichsten Figuren im Musikgeschäft. 1960 in New York als Sohn jüdischer Amerikaner geboren, studierte er zunächst Perkussion an der Musikhochschule, Ziel: Orchesterschlagzeuger. Die Liebe zum Marimbaphon, einer Xylophonart, kam ihm jedoch dazwischen. Mit dem exotischen Instrument wollte er neue Klangwelten erschließen. Und zwar als Straßenmusiker.

Frage: Sie sind möglicherweise der einzige professionelle Marimbaphonist der Welt. Wie kam das?

Alex Jacobowitz: Während des Studiums musste ich auch Marimbaphon lernen. Das war, wie einen Partner zu finden. Ich wollte reden durch dieses Instrument. “Es gibt keine Marimbaphonsolisten“, meinte mein Professor. Ich sagte: “Dann werde ich der erste sein.“ Ich habe unendliche Klangschönheiten entdeckt. Das Marimbaphon eignet sich für Klavier-, Gitarren- wie für Geigenmusik.

Wie reagiert Ihr Publikum?

Es ist eine große Herausforderung, ein Konzert auf einem unbekannten Instrument zu geben. Beim Xylophon denken die Leute an Kinderspielzeug. Wie soll man darauf Bach und Mozart spielen? Ich trete auf der Straße auf, damit die Leute mein Instrument entdecken und mir ins Konzerthaus folgen. Insofern bin ich ein Rattenfänger.

Sind Bach und Beethoven ohne weiteres Marimbaphon-kompatibel?

Selbstverständlich nicht alle Stücke. Viele können aber ganz ohne Veränderungen gespielt werden. Ich nehme den Stücken nichts weg, gebe ihnen aber etwas Neues hinzu. Ich spiele zum Beispiel die Fantasie in a-moll von Johann Sebastian Bach, ein frühes, wildes Werk. Die Sonate in G-Dur, Opus 49, von Beethoven. Und eine Fantasie von Mozart, Köchelverzeichnis 397. Außerdem spanische Gitarrenmusik.

Doch Sie musizieren nicht nur ...

Es ist nicht so wichtig, schöne Musik zu spielen. Die Leute suchen Bedeutung. Daher erzähle ich auch Anekdoten und Witze und lese aus meinem Buch “Ein klassischer Klezmer. Ich kommuniziere auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Publikum.

Sie haben einen bequemen Job bei den Jerusalemer Sinfonikern aufgegeben.

Ich konnte mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, mein Leben lang in der dunkelsten Ecke des Orchesters zu verbringen und nur aufzustehen, um die Triangel anzuschlagen. Ich bin lieber mein eigener Dirigent und baue mir ein eigenes Publikum auf. Ein Amerikaner, der klassische europäische und jüdische Musik auf einem afrikanischem Instrument interpretiert: So werden Kulturen zusammengebracht.

Mit welchen Gefühlen treten Sie in Deutschland auf?

Es ist sehr schwer. Ich bin in den USA mit Vorurteilen gegen Deutsche aufgewachsen. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, deutsch zu lernen. Heute verbringe ich viel Zeit in Deutschland. Es gibt Probleme mit Neonazis. Wenn ich auf der Straße spiele, bin ich für 150 Leute der Held, doch für ein, zwei Leute hinten bin ich der Jude.

Interview: Hendrik Pupat
Konzert: heute um 19:30 Uhr, Alte Handelsbörse