Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
Press    English  |  German  |  Hebrew  |  Hungarian  |  Japanese |  Polish  |   Portugese
Berliner Zeitung (5. Jul 2002)
Unvermutete Zärtlichkeit

Klezmermusik und Erzählkunst im Hackeschen Hoftheater

Fast drei Meter breit ist es, wuchtig und überdimensioniert wirkt es auf der Bühne des Hackeschen Hoftheaters - doch Alex Jacobowitz nennt sein Instrument zärtlich „seine Frau“. Und unvermutet zärtliche Töne entlockt er gleich zu Beginn des Konzerts seinem Xylophon. Beethovens „Mondscheinsonate“ streichelt Jacobowitz aus dem Holz hervor. Sicher, die Töne des Xylophons erreichen nicht die Klangfülle eines Klaviers, aber gerade der Minimalismus und die „hölzerne“ Interpretation stehen dem Stück gut zu Gesicht.

Angesichts des geringen Repertoires an Musik, die direkt für das Xylophon komponiert wurde, überrascht nicht, dass Jacobowitz sein Spektrum auf Stücke für Klavier oder Gitarre ausdehnt. Allerdings ist der Umsetzung auf das Xylophon eine Grenze gesetzt: selbst ein Jongleur der Schlegel, wie Jacobowitz, kann nicht mehr als vier davon koordinieren. Klavierspiel mit nur vier „Fingern“ sei nicht einfach, beteuert der gebürtige New Yorker kokett, um dem Publikum gleich darauf zu beweisen, dass er sein Instrument auch in dieser Disziplin meisterhaft beherrscht. Im musikalischen Höhepunkt des Abends tanzt Jacobowitz am Xylophon entlang, die Schlegel so schnell wirbelnd, dass das Auge nicht mehr folgen kann. Zu Flamencoklängen von Isaac Albéniz bringt das nun kraftvoll gespielte Instrument den ganzen Saal wortwörtlich zum Schwingen. Und unter dem Spiel des Klezmers Jacobowitz wird das Xylophon selbst zum „kley zemer“ – zum singenden Instrument.

Zwischen den Stücken erzählt Alex Jacobowitz Geschichten, die immer auch kleine Botschaften von Menschlichkeit und Verständigung sind: etwa, wie er mit seinem Instrument auf Reisen den Menschen begegnet – und sie ihm. Oder wie Michael Joseph Guzikow um 1830 mit der Holz- und Strohfiedel, einem Vorfahren des Xylophons, die Höfe Europas eroberte.

Ressort: Feuilleton
Autor: Gregor Schlosser