Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Frankfurter Rundschau (15. Feb 2001)
Schlegeleien

Eine neue Konzertreihe im Museum der Weltkulturen

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Wenn Anette Rein von einem lebendigen Museum spricht, leuchten
ihre Augen, und das von ihr geleitete Museum der Weltkulturen ist für
sie in erster Linie "ein interkultureller Erlebnis- und Lernort". Es geht
ihr um die Erschließung und Übersetzung anderer Lebensformen, und das
zeigt sich unter anderem in einer Konzertreihe, deren Leiter Jean Trouillet ein
Fachmann besonders für afrikanische Musik ist. Jetzt feierte diese Reihe unter
dem Titel "Das musikalische Wohnzimmer" Premiere mit Alex Jacobowitz, einem
in Jerusalem lebenden Xylophonspieler aus New York, der sich sowohl der
europäischen Klassik als auch der ostjüdischen Klezmermusik verschrieben hat.
Er steht hinter einem wahren Ungetüm von Instrument - fast drei Meter
lang, nahezu zwei Zentner schwer - aus Holz und Metall. Zunächst spielt er
ganz klassisch Bach, Mozart und Beethoven, dann widmet er sich dem
spanischen Gitarrenrepertoire und kommt erst gegen Ende des zweigeteilten
Abends auf Klezmer.

Ein Pianist hätte zehn Finger, meint er, er nur vier Schlegel, und das
mache das Transskribieren nicht leicht. Das macht auch das Hören nicht immer
leicht.

Man fragt sich zuweilen, ob das nicht eine unzulässige Vereinfachung
ist, doch dann erschließen sich neue Blickwinkel die erkennen lassen, dass
in den Kompositionen Substanz steckt, die durch das Umschreiben eine neue
Betonung erhält.

Auch musikalisch greift er gerne in die Kiste mit den Taschenspielertricks:
Jeder Schlegel habe einen anderen Ton, doziert er. Um das zu
demonstrieren, schlägt er erst ein Palisanderholz im mittleren
Schwingungsknoten an, was einen voluminösen, sekundenlang im Raum
stehenden Ton gibt; der andere Schlegel am selben Holz, aber an der
Aufhängung, erzeugt einen scharfen, fast resonanzlosen Ton. Das hätte
er auch mit dem selben Schlegel erreichen können, doch er verkauft die
kleine Aktion so charmant, dass man nicht böse sein kann.

Klangvariationen beherrscht Jacobowitz meisterhaft und liefert weitgefächerte
Beispiele für die Wandlungsfähigkeit von Idiophonen.

Wesentliches Erlebnis des Abends ist die Atmosphäre dieses Salons,
dessen weitere Konzerte noch mehr mit Weltkultur zu tun haben als der
Auftritt von Alex Jacobowitz - zum Beispiel mit zwei nordsibirischen
Maultrommelspielern und Schamanen am 3. März im "Wohnzimmer" dieses
lebendigen Museums.

Michael Rieth