Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Die Welt Interview (21. Aug 2001)
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Ein Klezmer in München

Der New Yorker Alex Jakobowitz über sein Leben als Straßenmusikant - Interview




Seit 20 Jahren verdient Alex Jakobowitz sein Geld als Straßenmusiker. Schon im Laufe seiner klassischen Ausbildung an der Ithaca School of Music (New York) widersetzte sich der inzwischen 41-Jährige dem Wunsch der Eltern und Lehrer, Orchesterschlagzeuger zu werden. Stattdessen interpretierte er die Musik Bachs und Beethovens auf seinem Marimbaphon. Im Gespräch mit Christian Greßner erzählt der gebürtige New Yorker und orthodoxe Jude, der zwischen München und Jerusalem durch Europa pendelt und sogar ein Buch ("Reisegeschichten eines jüdischen Musikers") über sein nicht alltägliches Leben geschrieben hat, von der musikalischen Intimität öffentlicher Plätze.

DIE WELT: Schön, was Sie da spielen! Was ist das?

Alex Jakobowitz: Ach, das sind Auszüge aus dem Notenbüchlein der Anna Magdalena von Johann Sebastian Bach. Von Bach habe ich auch die Goldberg Variationen oder das Brandenburgische Konzert Nr. 1 in F-Dur im Repertoire.

DIE WELT: Sie haben auch Schallplatten gemacht?

Jakobowitz: Ja. Neben Bach vor allem Klezmermusik, Gesänge aus der Hebräischen Liturgie und jüdische Volkslieder. Aber auch klassische spanische Musik.

DIE WELT: Herr Jakobowitz! Berichten Sie von den Anfängen. Wie haben Sie das Konzertxylophon entdeckt?

Jakobowitz: Ich habe mit 12 angefangen, Schlagzeug zu spielen und liebe dieses Symbol der Kraft. Aber ich wollte Solist werden, nicht hinter der Triangel stehen und einmal pro Stunde "Ping" machen. So habe ich mit 20 Jahren mein eigenes Marimbaphon gekauft. Es gibt auf der Welt nur drei Marimba-Solisten, ich hatte kein Vorbild. Das Instrument versetzte mich in die Lage, Vivaldi und Bach nach 300 Jahren neu zu erfinden. Als ich 1991 nach Budapest auf die Straße ging, haben die Frauen im Publikum geweint. Wie soll man sie mit einem klassischen Schlagzeug zum Weinen bringen?

DIE WELT: Klassische Musik und Marimbaphon ist eine ungewöhnliche Verbindung. Was hat sie nach ihrem Austritt aus dem Jerusalem Symphony Orchestra bewogen, auf der Straße aufzutreten?

Jakobowitz: Der Konzertsaal ist ein Museum für Klang. Auf der Straße dagegen lade ich die Leute ein, ganz nahe zu sein - im Konzertsaal braucht man Operngläser um zu sehen - und es bleibt dennoch ein Stück Respekt. Ich erkläre den Menschen, was ich spiele, und nehme ihnen so die Angst vor der klassischen Musik. Wenn sie das Gefühl haben, das stimmt, was ich mache, habe ich mein Ziel erreicht. Diese Intimität kann man in einem Konzertsaal nicht erfahren.

DIE WELT: Als Straßenmusiker sind sie unter anderem vom Wetter abhängig. Wie gehen sie als Vater von sieben Kindern mit dieser Unsicherheit um?

Jakobowitz: Es ist richtig, jeden Tag ist meine Schale leer, aber ich habe nie aufgehört zu hoffen, weil im Talmud steht, dass Gott, wenn er ein Kind schenkt, auch Brot schenken wird. Ich musste nie wählen zwischen meiner Liebe zu den Kindern und zur Musik.

DIE WELT: Der Gedanke der Spiritualität lebt ja auch in ihrer Musik.

Jakobowitz: Die Musik, sage ich immer, bringt uns Gott näher. Über die Musik kann ich meine Botschaft von Menschlichkeit, Verständnis und Toleranz besser vermitteln. Als Jude im Nachkriegseuropa begibt man sich ja auch immer auf die Spuren der eigenen Vergangenheit.