Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Süddeutsche Zeitung (28. Mai 1998)

RENTIERT SICH´S HEUTE? Alex Jacobowitz entscheidet sich erst nach der Internet-Recherche. Photo: Caterina Hess

Helden mit Handys

Professionelle Straßenmusiker kämpfen in München um ihre Anerkennung


Die drei Musiker sind nicht gerade begeistert von ihrem Spiel - wenn man ihren Gesichtsausdruck richtig deutet. Der erste trägt einen Kranz im Haar und spielt Flöte, der zweite Posaune, der dritte bläst in einen Dudelsack, den ein Schafskopf ziert. Ob die Schöpfer dieser Skulptur am Karlstor - dort also, wo die Münchner Fußgängerzone beginnt - ahnten, was Jahrzehnte später Wirklichkeit werden könnte? Oder ob sie eher unfreiwillig ein frühes Symbol schufen?

Genau wie die drei Spieler von einem Netz zum Schutz vor Taubenexkrementen bedeckt werden, sind Münchens Straßenkünstler durch ein Netzwerk von Bestimmungen eingeengt - und haben deshalb immer weniger Freude am Spiel. Am härtesten treffen sie die professionellen Straßenmusiker, die sich aus der Masse der Gelegenheitsmusiker, der fahrenden Indiobands, der Bob-Dylan- und Oasis-Imitate herausheben. Was gerade in München passiert, führt letztlich zur Frage, ob Straßenmusik als Gewerbe angesehen ist oder nur als netter Zeitvertreib.

Die "Öffentlich-rechtliche Sondernutzungserlaubnis" untersagt seit wenigen Monaten etwa den CD-Verkauf. Erlaubt auf Münchens Straßen ist das Anbieten von Losen, Schnittblumen, Obst und Gemüse. "80 Prozent meines Einkommens verdiene ich mit meinen CDs", sagt der Akkordeonspieler Ivan Hajek. "In anderen Städten ist der CD-Verkauf möglich", fügt der in New York geborene Marimbaphon-Spieler Alex Jacobowitz hinzu. In Gesprächen fällt dieser Punkt stets gleich zu Anfang. Fünf CDs bietet Jacobowitz an, Hajek drei. "30,000 Mark kostet die Herstellung", sagt der 36jährige, in Prag geborene Hajek - Geld, das er vorstreckt wie ein Kleinunternehmer. Leidenschaftlich, gefühlsbetonte Musik ist da zu hören. Musik, die auch in Konzertsälen ihren Platz hat, wie etwa im vergangenen November im Circus Krone. Viele unterlaufen das Verbot, indem sie Spenden für die CDs annehmen und dies dann verschenken. "Ein albernes Spiel", meint Jacobowitz.

Albern auch deshalb, weil durch das Spiel vor den Augen von Polizisten in Zivil der Blick auf das verstellt werde, worum es eigentlich gehe. "Es ist einen Kunst, mit Muisk mehrere hundert Menschen festzuhalten, die eigenlich etwas ganz anderes machen wollten, für zehn, zwanzig Minuten oder länger." Vor bis zu 6000 Menschen pro Tag tritt der ausgebildete Musiker auf, spielt Klaviersonaten von Beethoven, Bach und Mozart auf dem Marimbaphon, einem gigantischen Xylophon mit 62 Klanghölzern, zwei Meter breit, 100 Kilogramm schwer.

Jacobowitz ist ein Beispiel dafür, daß professionelle Straßenmusiker ihr Spiel auch mit einer persönlichen Botschaft verbinden. "Ich spiele in München, weil ich zeigen will, daß Juden überlebt haben." Als gläubiger Jude spiele er in der Stadt, "die Hauptstadt der Bewegung was, in der das Olympiaattentat 1972 geschah und in der gleichzeitig ein großartiges Publikum für Straßenkünster da ist". Der 37jährige bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen Geschäftstüchtigkeit und künstlerischem Anspruch, zwischen flapsigen Sprüchen ("Werfen Sie keine Münzen in meinem Beutel, das stört mein Spiel. Scheine sind leiser.") und höchster Konzentration.

Zwischen Kunst und Geschäft

"Wir sind die Helden der Straße, weil wir unsere Geschichte erzählen, mit Musik, jeder auf seine Weise", sagt der "Marimba Man of Munich", wie ihn die Zeitschrift The Jerusalem Report in ihrer Juniausgabe bezeichnet. Ausschnitte aus japanischen, englischen und unzähligen deutschsprachigen Zeitungen hat er beim Gespräch im jüdischen Kulturzentrum dabei. Hierher komm er, weil es hier das einzige koschere Restaurant in München gebe und er sich sicher fühle.

Daß dies nicht immer so ist, auch davon spricht der Jude Jacobowitz. "Die Polizei geht mittlerweile entschiedener vor. Fast macht es den Eindruck, als wolle man im Wahljahr uns Straßenmusiker vertreiben. Sind wir Schmutz?" Das erinnert an eine Episode aus seinem vor zwei Wochen in deutscher Übersetzung erschienenen Buch "Ein klassischer Klezmer, Reisegeschichten eines jüdischen Musikers". Vor zwei Jahren wurde er festgenommen und mußte eine Nacht im Gefängnis verbringen, weil er ohne Genehmigung CDs verkauft hatte. Ein Polizist habe ihn geschlagen, erzählt er im Buch. Der Erniedrigung folgte die Strafe von 1200 Mark, die er bar bezahlte.

"Die Leute denken immer, Straßenmusiker sind Bettler, aber sie können mehr verdienen als Industriebosse", sagt Jacobowitz bestimmt. Daß ein Handy zur Grundausstattung jedes professionellen Künstlers gehört, mag noch wenig erstaunen. Daß er dieses an seinen Laptop anschließt, um Devisenkurse oder die Wettervorhersage aus dem Internet abzufragen, schon mehr. "Danach entscheide ich dann, wo ich in dieser Woche spiele", sagt Jacobowitz. "Ein Profi muß mehr wissen, als nur, wo man spielen darf."

Wer soviel investiert, will natürlich auch maximalen Ertrag. Hajek, Jacobowitz und die Münchner Künstler Helmut Meiller und Pete Schmidt wollen jetzt einen Verein der Münchner Straßenkünstler gründen, um ihr Recht auf freie Berufswahl durchzusetzen. Der Katalog ihrer Wünsche umfaßt 16 Punkte. Entscheidend für alle ist die Möglichkeit, öfter als bisher zu spielen. "Einmal pro Woche kommt einem Berufsverbot gleich", sagt Jacobowitz. Dreimal fänden die Musiker angemessen. Pro Tag vergibt das Baureferat zehn Genehmigungen, fünf für die Zeit von 10 bis 13 Uhr, fünf für nachmittags von 15 bis 22 Uhr. Stündlich müssen die Musiker den Standort wechseln. Arkadenbereiche sind Tabuzonen. Etwa 3000 Genehmigungen könnten pro Jahr vergeben werden, tatsächlich sind es nur 1200. Die Gefahr, daß München mit Musikern überschwemmt werde, bestehe also gar night, auch wenn man mehrmals pro Woche auftreten dürfe, meint Jacobowitz.

Ludwig Pöll vom Baureferat, der die Genehmigungen vergibt, möchte sich derzeit dazu nicht äußern. Es gebe zwei Stadtratsanträge, einen der FDP und einen der Grünen, sagt er. Dort werde der Verkauf von CDs explizit angesprochen. Sonst gibt er nur die Weiträumigkeit der Entscheidung zu bedenken, wenn man Musiker rechtlich als Gewerbetreibende behandle. Letztlich gehe es um die Kommerzialisierung der Straße. Für sein Referat würde das mehr Arbeit bedeuten. Er wisse jetzt schon nicht, wie er das aufgrund der Personalnot bewältigen solle.

Die Musiker plagen andere Sorgen. Jacobowitz muß sieben Kinder versorgen, Gitarrist Helmut Meiller bezahlt sein Haus in Gauting ab. "Unsere Möglichkeiten sind bescheiden", sagt Hajek beim Gespräch über Handy. Er sitzt gerade in seinem Wohnmobil, auf dem Weg von Zürich Richtung Freiburg, schwärmt von den liberalen Bedingungen dort. "Wir werden weggehen müssen, weil wir hier nicht überleben können", sagt er. "Unsere Lobby ist auf der ganzen Welt verstreut. In München, wo wir soviel für die Atmosphäre der Stadt tun, werden wir nur geduldet."

HUBERT FILSER