Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Mittelbayerische Zeitung Regensburg (7. Apr 2003)


Ein klassischer Klezmer auf dem Karavan

Der Marimba-Virtuose Alex Jacobowitz tauschte den
Konzertsaal mit den Straßen Europas


Von Helmut Wanner, MZ
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REGENSBURG. "Hier ist ein guter Platz", sagt Alex Jacobowitz. Dass hier einmal die mittlealterliche Synagoge stand und dereinst die Begegnungstätte Karavans stehen wird, hat man ihm erst nachträglich gesagt. Seine Intuition hat ihn hergeführt.

Ein Tisch mit eigenen CDs, einem autobiographischen Buch ("Ein klassicher Klezmer: Reisegeschichten eines jüdischen Musikers"), ein Notenständer mit dutzenden Rezensionen der Weltpresse und gleich eine Bodenvase für das Geld - dass hier kein normaler Straßenmusikant seinen Hut rumgehen lässt, merken selbst die "Ausscheider", die an diesem Donnerstag Mittag angesäuselt über den Neupfarrplatz ziehen. Sie verstummen, begaffen in einer seltenen Mischung von Rausch, Glück und Staunen auf ihren Gesichtern die Szene am Brunnen und ziehen weiter, erstaunlich leise und gerade so, als hätten sie eben die Wirtshaus mit der Kirchentür verwechselt.

Ein in New York geborener und in Israel lebender orthodoxer Jude mit Schläfchenlocken, Bart, Kippa und Turnschuhen spielt die Mondscheinsonate von Beethoven - so unorthodox auf dem Marimbaphon. So virtuos haben wir uns in Regensburg einen radikalen jüdischen Westbank-Siedler nicht vorgestellt. Das ist er zweifelsohne. Mit 24 Jahren ist der in New York ausgebildete Orchester-Perkussionist zu einem Kibbuz-Aufenthalt nach Jerusalem gekommen. Da hat es ihn gepackt. Er blieb, wurde orthodoxer Jude, heiratete und siedelte in der Westbank, ganz nahe bei Hebron, beim Grab der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob.

Der ehemalige Perkussionist des Jerusalem Sinfonieorchesters hat auf den 52 Hölzern des afrikanischen Instruments mit vier Schlägeln Bach und Beethoven quasi neu erfunden. Der "Paganini des Marimbas", so die deutsche Edelfeder Henryk Broder über den musischen Sohn Abrahams, hat für ein paar sonnige Märztage den Konzertsaal vor das Eis-Café Gellini gebracht, die Wand zwischen Volk und Kunst zum Einstürzen gebracht, ganz sanft und mit dem süßen Charme eines Wiener Juden. "Darf ich mich vorstellen. Ich bin Alex Jacobowitz aus New York und das ist meine Frau, das Marimbaphone", sagt er. Und so behandelt er es auch, das hüfthohe Instrument auf rollen. Hat man je einen Menschen mit mehr Liebe und Hingabe musizieren sehen? Der Mann, dessen Onkel in Dachau war, will durch sein Spiel zeigen, dass das Judentum überlebt hat, aber vor allem den Ewigen loben.

"Ich versuche, eine integrierte Persönlichkeit zu sein", sagt er der MZ. "Ich will die Einheit leben von Glauben und Tun." Konsequenterweise lebt er ohne Sicherheiten. "Sicherheit", so sagt er, "gibt es nur in Gott." Der sorgt für ihn, auch durch die Gabe des Charmes und Humors. "Mozart starb in Armut, ersparen Sie mir dieses Schicksal."

Die Passanten kaufen seine CDs wie Eiskugeln. Wer lacht, gibt mit Freude. Der klassische Klezmer liebt Deutschland. "Hier ist das kultivierteste Publikum", verriet er der Jerusalem Post. Kunststück: Der Marimba-Mann verdient in seinen kurzen Hosen besser als jeder Anzugträger. Dabei lebt er bescheiden. Er kocht und betet in seinem Campingwagen, schläft auf Parkplätzen.

Im Winter ist er bei seiner Groß-Familie in Israel: Frau, vier Knaben und drei Mädchen zwischen 8 und 17 Jahren. Nur ein Jahr lang war er Kollektivmusiker, dann hatte er es Leid. "Ich wollte nicht sitzen und 45 Minuten auf einen einzigen Triangeleinsatz warten", sagt er der MZ. Dem Solisten gehört die Straßen-Bühne allein. Er ist Orchester, Dirigent, Konferenzier und Kassier in einer Person. So hat der polyglotte Mann 20 Jahre Straßenmusik auf dem Buckel. Er hat von Oslo bis Venedig gespielt (das Marimba durfte dabei Gondel fahren). Magier, der er ist, hat er Hundertausende in den Bann gezogen. Zum Beispiel auch mit Sprüchen wie diesem: "schalten Sie bitte ihr Handy aus. Beethoven schrieb die Mondscheinsonate ohne Lkw- und D-1-Begleitung."