Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Neue Zürcher Zeitung (9. Mär 1996)
Ortsgespräche

Alex Jacobowitz – Marimba-Virtuose und Strassenkünstler



Der selbsternannte "Informance"-Künstler Alex Jacobowitz unterhält am See mit Marimba-Konzerten und witzigen Kommentaren. (Bild Fiacco)


Dem aus New York stammenden Perkussionisten Alex Jacobowitz dürfen viele Zürcherinnen und Zürcher auf ihrem Sonntagsspaziergang entlang der Seepromenade schon mehrfach begegnet sein. Seit drei Jahren konzertiert der klassisch ausgebildete Musiker auf der Strasse, wo er auf seinem drei Meter langen Marimbaphon Werke von Beethoven, Mozart und Bach spielt. Am kommenden Sonntag, 10 März, bestreitet er ein Solorezital in der Tonhalle. Aus diesem Anlass unterhielt sich Nick Liebmann mit dem jüdischen Musiker.

«Der Konzertsaal», meint Alex Jacobowitz etwas provokativ, «ist das teuerste Hotel der Welt geworden. Weil die grossen Interpreten klassischer Musik schon längst eine Wand zwischen sich und ihrem Publikum aufgerichtet haben, kommt keine Kommunikation zustande. Das Spirituelle und Transzendierende in der Musik wird nicht mehr kommuniziert, die Zuhörerinnen und Zuhörer sind nicht mehr in ihrem Innersten berührt, die gesellschaftlichen Konventionen werden wichtiger als das, worum es hier wirklich gehen sollte.»

Jacobowitz hat oft für Kinder gespielt und festgestellt, daß sie eigentlich viel über Musik und das Instrument erfahren möchten, aber einfach nicht wissen, welche Fragen sie eigentlich stellen müssten. So hat er gelernt, seine Konzerte zu kommentieren, die Fragen zu antizipieren, sein Publikum gleichermassen zu unterhalten und zu informieren. Die Erwachsenen, so der charismatische Musiker weiter, hätten eigentlich genau die gleichen Bedürfnisse wie ihre Kinder. Nur getraute sich kaum jemand, Fragen zu stellen, da viele den Eindruck hätten, sie allein wüssten die Antworten nicht. Die Kunst, die Jacobowitz entwickelt hat, nennt er «Informance», ein Kürzel für «informal Performance».

Während seines Perkussionsstudiums an der Ithaca School of Music in Upstate New York nahm Jacobowitz einst an einer Exkursion nach Manhattan teil, zu einem Marimba-Recital von Vida Chenowith. Dort bekam er Gelegenheit, mit Studenten der berühmten Juillard School zu diskutieren. Einer davon hat sich sein Studium durch Strassenmusik an der Ecke 80th Street/Broadway finanziert und schon damals für zwei Stunden Xylophonspiel 55 Dollar verdient. Jacobowitz hat das dann auch probiert, seine Marimba hin- und hergeschoben, und schon bald einmal den Dreh gefunden, wie das funktioniert. Er hat gelernt, wie man zu den Passanten spricht, wie man ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht, wie man sie unterhält, ohne die hohe Kunst zu verraten. Und er war schon bald erfolgreich. Als Strassenkünstler wurde er sogar eingeladen, zwei Solokonzerte im Lincoln Center zu geben.

Ein prägendes Erlebnis war für den Perkussionisten auch die Aufführung der vierten Symphonie Tschaikowskys, als er 1981/82 reguläres Mitglied des Sinfonieorchesters in Jerusalem war. Über den ersten drei Sätzen steht für den Perkussionisten «Tacet». Erst dann muss er sich erheben und wie wild auf die Triangel einschlagen. So konnte sich Jacobowitz seine weitere Musikerkarriere auf keinen Fall vorstellen. Als Marimba-Solist auf der Strasse hingegen (ein auch wirtschaftlich nicht gerade uninteressantes Tätigkeitsfeld ) ist er sein eigener Dirigent, sein eigenes Orchester, sein eigener Intendant.

Die Strassenmusik befriedigt Jacobowitz außerordentlich. Oft spielt er an einem Tag zehn Konzerte für 6000 Leute, berührt ihre Herzen und kann ihnen die Schönheit und den Wert seines Instrumentes buchstäblich hautnah demonstrieren. Zu den Stücken, die er für sein Instrument meisterhaft bearbeitet hat, erzählt er interessante Anekdoten aus der Musikgeschichte, und seine Zuhörerinnen und Zuhörer haben keinerlei Mühe, die Umweltgeräusche innerlich auszuschalten. Dabei geht es ihm keinesfalls um «Ego» oder «Virtuosität». Vielmehr möchte er seine Empfindungen zu den musikalischen Meisterwerken mit seinem Publikum teilen. Bei einem seiner Konzerte in Budapest, erzählt Jacobowitz, habe eine Frau geweint, im Lincoln Center hingegen sei das noch nie vorgekommen.

Jacobowitz erzählt gerne vom grossen chassidischen Xylophonvirtuosen Joseph Gusikow, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts sein Publikum begeistert und den Neid Liszts auf sich gezogen hat. Auf seiner «Holz- und Strohfiedel» spielte Gusikow Musik von Paganini und Rossini, improvisierte aber auch über jüdische Musik aus Russland und Polen. Für Jacobowitz, der zurzeit an einer Biographie über Gusikow arbeitet, wäre es ein Traum, seinem Instrument wieder eine ähnliche Popularität zu verschaffen. Denn, so der Perkussionist, gewisse Stücke (etwa der Türkische Marsch Mozarts oder die Gitarrenstücke des Spaniers Francisco Tárrega) würden in seiner Version besser klingen als die Originale.

Jacobowitz hat eine anstrengende Zeit hinter sich. Als Einmannbetrieb (mit ein paar Helfern im Netzwerk) hat er sein Tonhalle-Rezital eigenhändig organisiert. Aber er ist überzeugt, dass er den Besucherinnen und Besuchern ein höchst interessantes, umfassendes Marimba-Programm präsentieren darf, dass größtenteils aus absolut neuen Bearbeitungen besteht. Die Spannweite reicht von Barock bis in die Neuzeit, von Couperin bis Paul Smadbeck, von dem übrigens das einzige eigens für die Marimba geschriebene Stück des Konzerts stammt. Auch in der Tonhalle möchte der Solist keine Konventionen einhalten. Er wird nicht im Frack musizieren und wird, genau wie er es auf der Strasse tut, erklärende und unterhaltende Worte an sein Publikum richten.

Zürich, Tonhalle, 10. März, 16 Uhr.