Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer Alex Jacobowitz: Der klassischer Klezmer
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Münchner Merkur, 21. Juni 2007
„Meine Aufgabe: Musik auf die Straßen der Welt bringen.“



Das Xylophon ist nicht laut, und doch ist jeder Ton in der Fußgängerzone klar zu vernehmen: dunkel, sonor, geisterhaft. Die Menschen drängen sich stumm vor dem riesigen Instrument - verzaubert von dem, was sie sehen und hören: Wie Kobolde tanzen Alex Jacobowitz' vier Schlegel über die Klaviatur. Beethovens Siebte, das ganze Orchester auf ein paar Holzstäben.

Ich platze vor Neugier, als der letzte Ton verklingt: Warum spielt jemand wie er auf der Straße? „Ich bin auch im Gasteig aufgetreten“, flüstert Jacobowitz (47). „Und im New Yorker Lincoln Center.“ Es klingt fast, als schäme er sich dafür. „Aber: Im Konzertsaal ist Musik weggeschlossen. Ich will sie auf die Straßen der Welt bringen. Das ist meine Aufgabe im Leben.“

Und die erfüllt Jacobowitz mit all seiner Schlagkraft: seit mehr als 20 Jahren, rastlos, besessen. „Heute spiele ich in München, übermorgen in Luzern, tags drauf in Mailand.“ Anfangs schleppte er sein Drei-Meter-Xylophon durch die Avenues von New York - dort wuchs er auf und studierte Schlagzeug. „Doch meine Musik passt besser in alte Städte.“ Es gibt keine Metropole Europas, in der er nicht gespielt hat.

Noch werde ich nicht ganz schlau aus Jacobowitz. Warum all die Mühen? „Es ist eine Tradition meines Volkes“, sagt der gläubige Jude, der mit Kippa auftritt. Einst zogen die "Klezmorim", ostjüdische Spielleute, durch ganz Europa. „Ihre Musik will ich weitertragen.“

Exotische Klezmer-Lieder schmiegen sich bei seinen Konzerten eng an Mozartsonaten und Bachfugen: „Eine Begegnung der Kulturen.“ Gefällt die den Zuhörern, setzt er noch einen drauf: Dann wirbeln seine Schlegel so wild über die Stäbe wie Finger spanischer Gitarristen über die Saiten: Xylophon-Flamenco. Im Publikum klappen dann Kinnladen herunter.

„Natürlich ist es manchmal schwer, dieses Leben.“ Jacobowitz seufzt. Er hat neun Kinder, die er mit der Musik ernährt. Sie wohnen in Israel. „Ich vermisse sie oft. Jedes hat ein Handy, wir telefonierien viel.“ Doch die Auftritte geben ihm Kraft: „Ich finde Ruhe in der Musik.“ Und die Fußgängerzone durch seine Musik.

(Der Münchner-Merkur-Autor Johannes Patzig unterhält sich mit den Menschen in der Stadt und erzählt aus deren Alltag.)